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Gesundheit4. November 2026 · 3 Min.

SS-31 und die Mitochondrien: was beim Menschen wirklich gemessen wurde

Der MMPOWER-3-Test mit Elamipretide blieb in der Gesamtpopulation ohne signifikanten Nutzen. Eine vorab definierte Untergruppe mit Veränderungen im Zellkern-DNA zeigte eine Verbesserung im Sechs-Minuten-Gehtest, die mitochondrial-DNA-Gruppe nicht. Ein erster großer Versuch, eine andere Untergruppe gezielt zu prüfen, liegt bei 25,2 gegen 2,0 Metern mit p gleich 0,06.

Ein schlichtes Mikroskopierglas mit einem Tropfen auf einer Metallplatte, neben einem geschlossenen Notizbuch

Der Wirkstoff ist mitochondrial, die Population ist eine seltene Erbkrankheit, und der Gesamttest war negativ. Beides gehört in dieselbe Geschichte.

Kurz gesagtDie nachträgliche Genotyp-Analyse des MMPOWER-3-Tests fand in der Kohorte mit pathogenen Varianten der mitochondrialen DNA kein gegenüber Placebo Unterschied im Sechs-Minuten-Gehtest, während die vorab festgelegte Untergruppe mit pathogenen Varianten der Kern-DNA eine Verbesserung zeigte. In der nachgeordneten Replisom-Kohorte lag der Gehtest bei 25,2 gegen 2,0 Meter mit p gleich 0,06, also ein Trend ohne Signifikanz. Bei Patienten mit chronisch progressiver externer Ophthalmoplegie betrug der Unterschied 37,3 gegen minus 8,0 Meter mit p gleich 0,0024.

Man kann Mitochondrien nicht am Schreibtisch trainieren. Man kann sie messen. Und wenn man das tut, sieht man manchmal genau das, was die Ausdauerliteratur gerne zitiert — und manchmal auch nicht. Der Fall SS-31 ist lehrreich, weil er beides zeigt, und weil die interessanten Zahlen in einer Nachtragsanalyse stehen, nicht im Haupttest.

Der Haupttest war negativ

Der entscheidende Satz steht ganz am Anfang der Analyse von 2024: Der MMPOWER-3-Test zeigte keinen signifikanten Nutzen von Elamipretide in einer genotypisch vielfältigen Population von Erwachsenen mit primärer mitochondrialer Myopathie.

Das ist die wichtigste Zahl des ganzen Komplexes und sie gehört nach vorn, nicht nach hinten.

Aber: eine vorab definierte Untergruppe war anders

Der Test hatte allerdings eine vorab festgelegte Untergruppe (prespecified subgroup), die sich anders verhielt:

  • Probanden mit krankheitsverursachenden pathogenen Varianten der Kern-DNA (nDNA) zeigten eine Verbesserung im Sechs-Minuten-Gehtest.
  • Die Kohorte mit pathogenen Varianten der mitochondrialen DNA (mtDNA) zeigte keinen Unterschied gegenüber Placebo.

Der Unterschied zwischen diesen beiden Gruppen ist der ganze Artikel. Wer nur liest, dass „SS-31 wirkt”, hat die falsche Kohorte gelesen.

Woher die Untergruppe kam

Die Zusammensetzung erklärt einiges:

  • Probanden mit mtDNA-Varianten oder einzelnen großen Deletionen machten 74 % der MMPOWER-3-Population aus.
  • In der mtDNA-Kohorte hatten 70 % entweder eine einzelne große Deletion oder eine MT-TL1-Variante.
  • In der Kern-DNA-Kohorte hatten die meisten Probanden Varianten in Genen, die für die Wartung der mitochondrialen DNA nötig sind — das sogenannte Replisom. Die Mehrheit davon lag in POLG und TWNK.

Ein Wirkstoff gegen mitochondrialen Stress, der nur bei einem ganz bestimmten Genotyp funktioniert, ist eine andere Behauptung als ein Wirkstoff gegen Mitochondrien.

Die Nachtragsanalyse, mit ihren Grenzen

Die Genotyp-spezifische Nachanalyse wurde gemacht, weil die Untergruppenbefunde das Muster schon gezeigt hatten. Zwei Zahlen, exakt:

  • Replisom-Kohorte: Der Gehtest verbesserte sich in der Elamipretide-Gruppe gegenüber Placebo mit 25,2 ± 8,7 Metern gegenüber 2,0 ± 8,6 Metern, bei p = 0,06. Das ist ein Trend ohne Signifikanz.
  • Replisom-Varianten mit chronisch progressiver externer Ophthalmoplegie: 37,3 ± 9,5 Meter gegenüber −8,0 ± 10,7 Meter in der Placebogruppe, p = 0,0024.

Dazu eine pharmakokinetische Analyse mit schwacher positiver Korrelation zwischen Plasmakonzentration und Verbesserung im Gehtest.

Die Autoren schließen, dass Elamipretide bei Patienten mit Störungen der Wartung der mitochondrialen DNA nützlich war, und dass diese Daten die Grundlage für den Folgeversuch NuPOWER bilden, einer Phase-3-Studie an genau dieser Patientengruppe.

Was nebenbei in Ratten passiert

Der ältere Teil der Geschichte, 2007, ist der Grund, warum die Verbindung zu Ausdauer überhaupt hergestellt wird: In einem Rattenmodell der Ischämie-Reperfusion waren zwei mitochondrial Zielgerichtete Peptide (SS-31 und SS-20) wirksam — die Infarktfläche sank signifikant gegenüber Kontrollen, die Lipidperoxidation nahm ab, Rhythmusstörungen waren seltener. Der Autorentext schließt daraus, dass die kardioprotektiven Eigenschaften vor allem über die antioxidativen Eigenschaften vermittelt werden.

Das ist ein Tiermodell mit akut geschlossener Koronararterie, kein Training und kein Ausdauersportler. Es wird hier genannt, weil es zeigt, wie die Mechanikgeschichte zustande kommt — nicht weil es den Läufer betrifft.

Was diese Daten nicht zeigen

  • Kein Effekt in der Gesamtpopulation. Das ist der Haupttest, und er war negativ. Die positiven Ergebnisse sind Subgruppen.
  • Die Replisom-Kohorte ist eine Nachtragsanalyse ohne Signifikanz (p = 0,06). Das signifikante Ergebnis (p = 0,0024) liegt in einer noch enger gewählten Untergruppe mit einer sehr spezifischen Symptomatik.
  • Population: primäre mitochondriale Myopathie, also eine seltene Erbkrankheit. Keine Ausdauersportlerinnen und kein Training wurden untersucht. Die Übertragbarkeit auf Belastungsadaptation beim gesunden Menschen ist damit nicht belegt.
  • Kein Endpunkt Alltag. Sechs-Minuten-Gehtest, kein VO2max, kein Trainingsergebnis, keine Ausdauerleistung.
  • Keine Aussage zur langfristigen Sicherheit in diesen Arbeiten.

In einem Satz

SS-31 ist der Fall, in dem ein mitochondrialer Wirkstoff in der Gesamtpopulation nichts gezeigt hat und nur bei einem bestimmten Genotyp — und die ehrliche Fassung der Geschichte enthält beide Hälften.

Woher die Zahlen kommen

  1. Orphanet J Rare Dis 2024 — Genotype-specific effects of elamipretide in patients with primary mitochondrial myopathy: a post hoc analysis of the MMPOWER-3 trial (PMID 39574155, die nachträgliche Genotyp-spezifische Analyse des MMPOWER-3-Tests ; der MMPOWER-3-Test hatte keinen signifikanten Nutzen von Elamipretide in einer genotypisch vielfältigen Population von Erwachsenen mit primärer mitochondrialer Myopathie gezeigt ; die vorab festgelegte Untergruppe der Probanden mit krankheitsverursachenden pathogenen Varianten der Kern-DNA zeigte eine Verbesserung im Sechs-Minuten-Gehtest, während die Kohorte mit pathogenen Varianten der mitochondrialen DNA keinen Unterschied gegenüber Placebo zeigte ; Probanden mit pathogenen Varianten der mitochondrialen DNA oder einzelnen großen Deletionen machten 74 Prozent der MMPOWER-3-Population aus, davon hatten 70 Prozent der mitochondrialen DNA-Kohorte einzelne große Deletionen oder MT-TL1-Varianten ; die meisten Probanden der Kern-DNA-Kohorte hatten Varianten in Genen, die für die Wartung der mitochondrialen DNA erforderlich sind, also das Replisom, wobei die Mehrheit in POLG und TWNK lag ; die Replisom-Kohorte zeigte in der Woche 24 eine Verbesserung im Sechs-Minuten-Gehtest, die in der Elamipretide-Gruppe gegenüber Placebo in Richtung Signifikanz tendierte, mit 25,2 plusminus 8,7 Metern gegenüber 2,0 plusminus 8,6 Metern und p gleich 0,06 ; bei Replisom-Varianten mit chronisch progressiver externer Ophthalmoplegie betrug die Veränderung in der Elamipretide-Gruppe 37,3 plusminus 9,5 Meter gegenüber minus 8,0 plusminus 10,7 Metern in der Placebogruppe mit p gleich 0,0024 ; die pharmakokinetischen Expositions-Wirkungs-Analysen zeigten eine schwache positive Korrelation zwischen der Plasmakonzentration von Elamipretide und der Verbesserung im Gehtest ; die Daten bilden die Grundlage für den Folgeversuch NuPOWER, einer Phase-3-Studie an Patienten mit Störungen der mitochondrialen DNA-Wartung)
  2. Coron Artery Dis 2007 — Potent mitochondria-targeted peptides reduce myocardial infarction in rats (PMID 17429296, die Studie verglich zwei peptidische Analoga mit mitochondrialer Zielrichtung ohne Opioidaktivität, SS-31 und SS-20, die sich darin unterscheiden, dass nur SS-31 Radikale fangen kann ; Ratten wurden randomisiert und die Infarktgröße, Herzrhythmusstörungen und Lipidperoxidation des Myokards gemessen ; die Infarktfläche im Verhältnis zur Risikofläche war in den Behandlungsgruppen signifikant kleiner, mit 53,9 Prozent in der SS-31-Gruppe und 47,1 Prozent in der SS-20-Gruppe gegenüber 59,9 Prozent in den Kontrollen mit p kleiner als 0,01 ; die Lipidperoxidation wurde durch beide Peptide signifikant gesenkt ; Rhythmusstörungen traten nur in der frühen Phase der Koronarokklusion auf und waren in den Peptidgruppen seltener und milder als in den Kontrollen ; die Autoren schließen daraus, dass die kardioprotektiven Eigenschaften überwiegend über die antioxidativen Eigenschaften vermittelt werden ; ein Teil der Ergebnisse stammt aus einem Rattenmodell der Ischämie-Reperfusion)

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