Man kann Mitochondrien nicht am Schreibtisch trainieren. Man kann sie messen. Und
wenn man das tut, sieht man manchmal genau das, was die Ausdauerliteratur
gerne zitiert — und manchmal auch nicht. Der Fall SS-31 ist lehrreich, weil er
beides zeigt, und weil die interessanten Zahlen in einer Nachtragsanalyse
stehen, nicht im Haupttest.
Der Haupttest war negativ
Der entscheidende Satz steht ganz am Anfang der Analyse von 2024: Der
MMPOWER-3-Test zeigte keinen signifikanten Nutzen von Elamipretide in einer
genotypisch vielfältigen Population von Erwachsenen mit primärer mitochondrialer
Myopathie.
Das ist die wichtigste Zahl des ganzen Komplexes und sie gehört nach vorn, nicht
nach hinten.
Aber: eine vorab definierte Untergruppe war anders
Der Test hatte allerdings eine vorab festgelegte Untergruppe (prespecified
subgroup), die sich anders verhielt:
- Probanden mit krankheitsverursachenden pathogenen Varianten der
Kern-DNA (nDNA) zeigten eine Verbesserung im Sechs-Minuten-Gehtest.
- Die Kohorte mit pathogenen Varianten der mitochondrialen DNA (mtDNA) zeigte
keinen Unterschied gegenüber Placebo.
Der Unterschied zwischen diesen beiden Gruppen ist der ganze Artikel. Wer nur
liest, dass „SS-31 wirkt”, hat die falsche Kohorte gelesen.
Woher die Untergruppe kam
Die Zusammensetzung erklärt einiges:
- Probanden mit mtDNA-Varianten oder einzelnen großen Deletionen machten 74 %
der MMPOWER-3-Population aus.
- In der mtDNA-Kohorte hatten 70 % entweder eine einzelne große Deletion
oder eine MT-TL1-Variante.
- In der Kern-DNA-Kohorte hatten die meisten Probanden Varianten in Genen, die
für die Wartung der mitochondrialen DNA nötig sind — das sogenannte
Replisom. Die Mehrheit davon lag in POLG und TWNK.
Ein Wirkstoff gegen mitochondrialen Stress, der nur bei einem ganz bestimmten
Genotyp funktioniert, ist eine andere Behauptung als ein Wirkstoff gegen
Mitochondrien.
Die Nachtragsanalyse, mit ihren Grenzen
Die Genotyp-spezifische Nachanalyse wurde gemacht, weil die Untergruppenbefunde
das Muster schon gezeigt hatten. Zwei Zahlen, exakt:
- Replisom-Kohorte: Der Gehtest verbesserte sich in der
Elamipretide-Gruppe gegenüber Placebo mit 25,2 ± 8,7 Metern gegenüber
2,0 ± 8,6 Metern, bei p = 0,06. Das ist ein Trend ohne Signifikanz.
- Replisom-Varianten mit chronisch progressiver externer
Ophthalmoplegie: 37,3 ± 9,5 Meter gegenüber −8,0 ± 10,7 Meter in der
Placebogruppe, p = 0,0024.
Dazu eine pharmakokinetische Analyse mit schwacher positiver Korrelation
zwischen Plasmakonzentration und Verbesserung im Gehtest.
Die Autoren schließen, dass Elamipretide bei Patienten mit Störungen der
Wartung der mitochondrialen DNA nützlich war, und dass diese Daten die Grundlage
für den Folgeversuch NuPOWER bilden, einer Phase-3-Studie an genau dieser
Patientengruppe.
Was nebenbei in Ratten passiert
Der ältere Teil der Geschichte, 2007, ist der Grund, warum die Verbindung zu
Ausdauer überhaupt hergestellt wird: In einem Rattenmodell der
Ischämie-Reperfusion waren zwei mitochondrial Zielgerichtete Peptide (SS-31 und
SS-20) wirksam — die Infarktfläche sank signifikant gegenüber Kontrollen, die
Lipidperoxidation nahm ab, Rhythmusstörungen waren seltener. Der Autorentext
schließt daraus, dass die kardioprotektiven Eigenschaften vor allem über die
antioxidativen Eigenschaften vermittelt werden.
Das ist ein Tiermodell mit akut geschlossener Koronararterie, kein Training und
kein Ausdauersportler. Es wird hier genannt, weil es zeigt, wie die
Mechanikgeschichte zustande kommt — nicht weil es den Läufer betrifft.
Was diese Daten nicht zeigen
- Kein Effekt in der Gesamtpopulation. Das ist der Haupttest, und er war
negativ. Die positiven Ergebnisse sind Subgruppen.
- Die Replisom-Kohorte ist eine Nachtragsanalyse ohne Signifikanz
(p = 0,06). Das signifikante Ergebnis (p = 0,0024) liegt in einer noch enger
gewählten Untergruppe mit einer sehr spezifischen Symptomatik.
- Population: primäre mitochondriale Myopathie, also eine seltene
Erbkrankheit. Keine Ausdauersportlerinnen und kein Training wurden
untersucht. Die Übertragbarkeit auf Belastungsadaptation beim gesunden
Menschen ist damit nicht belegt.
- Kein Endpunkt Alltag. Sechs-Minuten-Gehtest, kein VO2max, kein
Trainingsergebnis, keine Ausdauerleistung.
- Keine Aussage zur langfristigen Sicherheit in diesen Arbeiten.
In einem Satz
SS-31 ist der Fall, in dem ein mitochondrialer Wirkstoff in der Gesamtpopulation
nichts gezeigt hat und nur bei einem bestimmten Genotyp — und die ehrliche Fassung
der Geschichte enthält beide Hälften.