Wenn es um die Erholung nach dem Laufen geht, taucht regelmäßig ein Argument auf, das mit drei Wörtern anfängt: Wachstumshormon. Meist folgt die Verfeinerung, es gebe eine Variante davon, die nur den Fettanteil behält und den Blutzuckeranteil weglässt. Diese Variante ist das HGH-Fragment 176-191, das im Laborhandel unter dem Kürzel AOD9604 geführt wird.
Das ist eine prüfbare Behauptung, und sie hat eine ungewöhnlich saubere Antwort. Der Stoffwechselteil dieser Geschichte ist fast vollständig in Mäusen erforscht, der Gelenkteil in genau einem Kaninchenmodell, und für Menschen gibt es in der indexierten Literatur keine randomisierte Studie.
Erst die Namen, sonst redet man aneinander vorbei
Für ein und dasselbe Molekül kursieren drei Bezeichnungen, und sie beschreiben nicht identische Peptide.
Wu und Ng haben 1993 an der Monash University in Clayton, Victoria, die synthetische Sequenz hGH 177-191 getestet: Leu-Arg-Ile-Val-Gln-Cys-Arg-Val-Ser-Glu-Gly-Ser-Cys-Gly-Phe. Die späteren Arbeiten derselben Gruppe sprechen von AOD-9401 und AOD9604, modifizierten Fragmenten aus derselben Region. Cox und seine Mitautoren haben die Modifikation 2015 präzise beschrieben: AOD9604 ist das C-terminale Fragment der Aminosäuren 177-191 plus einem zusätzlichen Tyrosin am N-Terminus. Der Name hGH 176-191, den Markt und Anti-Doping-Code verwenden, ist ein drittes.
Wer die Papiere liest und die Flasche danebenlegt, sollte also notieren, welches Peptid er tatsächlich hat.
Warum es überhaupt modifiziert wurde
Der Ausgangspunkt ist älter als die Fragment-Forschung. Ng und Bornstein hatten 1978 in normalen Ratten die Sequenzen 172-191, 176-191, 177-191, 178-191, 179-191 und 180-191 des humanen Wachstumshormons geprüft. Vier davon — 172-191, 176-191, 177-191 und 178-191 — erzeugten einen kurz anhaltenden Anstieg des Blutzuckers und einen länger anhaltenden Anstieg des Plasmainsulins. 179-191 und 180-191 waren in den geprüften Systemen wirkungslos. Eine einmalige Gabe der Peptide ab Sequenz 178-191 senkte die Insulinsensitivität in intravenösen Insulintoleranztests signifikant.
Das ist der Grund, aus dem die Fragmente nicht einfach die hintere Hälfte des Moleküls sein konnten: Genau dieser hintere Abschnitt trug die Blutzuckerlast. Die Modifikation ist eine Antwort auf ein echtes Problem, und sie ist die Grundlage der Aussage “ohne die Insulin-Nebenwirkung”, die in der ganzen Diskussion wiederkehrt.
Der Fund: 1993
Wu und Ng berichteten, dass das synthetische hGH 177-191 eine antilipogene Wirkung zeigte, die der des intakten Hormons entsprach. Im selben Versuch fanden sie keine signifikante lipolytische Wirkung, gemessen an der Rate der Glycerinfreisetzung aus epididymalen Fettgeweben.
Das lohnt einen Moment. Die Substanz wird nahezu überall als Fettverbrenner verkauft, und das positive Ergebnis des Ursprungspapiers lag auf der Speicherseite, nicht auf der Abbauseite. Das ist kein Zufall und kein Marketingfehler, sondern die Richtung, die die späteren Arbeiten dann in beide Richtungen gemessen haben.
Das Mausprogramm aus Melbourne
Die Gruppe um Ng hat das Fragment in mehreren Modellen an fettleibige Mäuse gegeben, und die Ergebnisse gingen in dieselbe Richtung.
Oral, dreißig Tage (2000): C57BL/6J-ob/ob-Mäuse bekamen entweder Kochsalzlösung (acht Tiere) oder AOD-9401 (zehn Tiere). Ab Tag 16 nahm die behandelte Gruppe signifikant weniger an Körpermasse zu als die Kontrolle, bei identischem Futterverzehr. Im Fettgewebe ex vivo war die Lipogenese reduziert und die Lipolyse erhöht, begleitet von einem akuten Anstieg von Energieumsatz sowie von Glukose- und Fettsäureoxidation. Dieselbe Verschiebung — mehr Lipolyse, weniger Lipogenese — zeigte sich in vitro auch in isoliertem Fettgewebe von fettleibigen Nagern und von Menschen. Was hier fehlt, ist die entscheidende Zeile: Gewebsschnitte in der Petrischale sind keine Studie.
Kontinuierliche Gabe, vierzehn Tage (2001): Hormon und Fragment wurden über Mini-osmotische Pumpen an fettleibige und schlanke Mäuse verabreicht. Beide senkten die Gewichtszunahme, erhöhten die Fettsäureoxidation in vivo und den Plasma-Glycerinwert als Index der Lipolyse. Und hier steht der Satz, aus dem die Werbung stammt: Anders als das Wachstumshormon löste AOD9604 keine Hyperglykämie aus und senkte die Insulinsekretion nicht, es konkurrierte nicht um den hGH-Rezeptor und induzierte keine Zellproliferation.
Mechanismus (2001, zweites Papier): Beide Substanzen hoben die Expression der Beta-3-Adrenorezeptor-RNA in den Fettzellen fettleibiger Mäuse auf das Niveau schlanker Tiere. An Mäusen ohne diesen Rezeptor blieb die chronische Wirkung auf Körpergewicht und Lipolyse aus — eine akute Gabe von AOD9604 steigerte dort aber trotzdem Energieumsatz und Fettsäureoxidation. Die Autoren schließen daraus, dass die lipolytische Wirkung nicht direkt über den Beta-3-Adrenorezeptor läuft.
Das ist in sich konsistent und stützt die Ausgangsthese: Das Fragment bildet einen Teil der Hormonwirkung auf den Fettstoffwechsel ab, ohne den Wachstumshormonrezeptor zu belegen.
Und die Gelenke
Neben dem Fettgewebe wird AOD9604 regelmäßig für Gelenke angeboten. Die Quelle dieser Behauptung ist genau ein Paper: Kwon und Park von der Katholischen Universität Daegu spritzten 32 weißen Neuseeland-Kaninchen mit enzymatisch ausgelöstem Kniegelenksarthrose wöchentlich Kochsalzlösung, Hyaluronsäure, AOD9604 allein oder AOD9604 mit Hyaluronsäure, über vier bis sieben Wochen. Die Gelenksbewertung war in der Kombinationsgruppe besser als in allen anderen, und die Hinkdauer war dort am kürzesten.
Ein Kaninchenmodell, vier Gruppen, eine Studie. Nichts davon ist ein Messwert bei laufenden Menschen.
Wo die Zahlen aufhören
PubMed führt 23 Einträge zu AOD9604 beziehungsweise AOD-9604. Filtert man diese Menge auf die Publikationstypen “randomisierte kontrollierte Studie” und “klinische Studie”, bleibt null. In der indexierten Literatur existiert keine peer-reviewte randomisierte Studie zur Gewichtsabnahme mit diesem Stoff an Menschen.
Dass es nicht bei der Forschung bleibt, zeigt ein anderes Labor: Cox und seine Mitautoren schrieben 2015, die Substanz sei über mehrere Internet-Seiten erhältlich gewesen und kürzlich in beschlagnahmten Fläschchen in den USA gefunden worden. Sie validierten deshalb ein Nachweisverfahren im Urin mit einer Nachweisgrenze von 50 Pikogramm pro Milliliter und einer Ausbeute von 62 Prozent, fanden sechs Metaboliten und identifizierten mit CRSVEGSCG ein deutlich stabileres Bruchstück als die Muttersubstanz. 2016 verfeinerte das Team um Wolfgang Thevis an der Deutschen Sporthochschule Köln die Suche weiter; die erreichte Empfindlichkeit von 50 bis 500 Pikogramm pro Milliliter deckt den von der WADA geforderten Mindestnachweis ab.
Die Analytik, um das Präparat im Urin zu finden, war also ausgereift, während eine randomisierte Studie an Menschen bis heute aussteht.
Wo die Sequenz heute in der Forschung auftaucht
Eine aktuelle Verwendung hat mit Regeneration nichts zu tun: Als Zielsequenz für Arzneistoffträger. Habibullah und Mitautoren haben 2022 das Fragment 176-191 in Chitosan-Nanopartikel eingebaut, die Doxorubicin tragen, und per Docking und Zellviabilitätstest an MCF-7-Brustkrebszellen geprüft, ob die Zielanreicherung die Wirkung des Chemotherapeutikums verstärkt. Es ist ein Experiment mit einer Zelllinie und einer Simulationsrechnung. Es ist zugleich der beste Beleg dafür, wofür man so eine Sequenz in einer echten Pipeline heute tatsächlich braucht — nämlich als Adresse, nicht als Mittel.
Was man damit anfangen kann
Zwei Dinge lassen sich aus diesem Archiv ziehen, und beide sind unbequem. Erstens: die Erholungsversprechen, die mit HGH-Fragmenten verbunden werden, sind Maus- und Kaninchendaten, und die Studie, die das Fragment von der Blutzuckerwirkung befreien sollte, hat genau diese Einschränkung erzeugt. Zweitens: Weil die Substanz über Internet-Seiten erhältlich war und in beschlagnahmten Fläschchen auftauchte, gibt es zu ihr eine bestens ausgebaute Analytik und keine Humanstudie. Das ist keine Fußnote der Geschichte, sondern ihre Pointe.
Wenn Regeneration nach dem Laufen das eigentliche Thema ist, dann sind es die drei bekannten Hebel: Schlaf in ausreichender Menge, Eiweiß und Kohlenhydrate über den Tag verteilt, und ein Trainingsaufbau, der nicht jede Woche dasselbe verlangt. Ein Fragment, das den Fettstoffwechsel fettleibiger Mäuse verschiebt, gehört nicht dazu.
Für die interessierte Minderheit, die eine schriftliche Zusammenfassung des ganzen Archivs lesen will, haben wir eine eigene Seite mit den wichtigsten Originalarbeiten und der Zahl der Einträge: hgh-fragment-176-191-and-aod9604.
YoungLab führt dasselbe Fragment selbst als Forschungsverbindung im Katalog, unter der Kennung ZX-029. Dort gibt es keine Forschungstextseite zu diesem Thema, deshalb verlinken wir an dieser Stelle das Produkt statt einer Studienseite: das HGH-Fragment von YoungLab. Alles dort ist für die Laborforschung bestimmt, nicht für die Einnahme beim Menschen.