
Einmal pro Woche bleibt die Uhr zuhause
Ich liebe meine Laufuhr. Und ungefähr einmal im Jahr merke ich, dass sie angefangen hat, mich zu besitzen.
Wie es schleichend passiert
Es beginnt harmlos: Man guckt nach dem Lauf auf die Zahlen. Dann während des Laufs. Dann läuft man ein bisschen schneller, weil die Runde sonst „die Statistik versaut”. Und irgendwann steht man an einer roten Ampel und tippelt auf der Stelle, damit die Pace nicht leidet — und in dem Moment sollte man sich ehrlich fragen, wer hier eigentlich wen trainiert.
Bei mir war der Tiefpunkt ein objektiv schöner Abendlauf, an den ich mich nur deshalb erinnere, weil die Uhr unterwegs den Satelliten verloren hat und ich ernsthaft erwogen habe, die Runde zu wiederholen. Die Runde war gelaufen. Aber sie zählte nicht. Das ist, mit etwas Abstand betrachtet, ein absurder Satz.
Das Experiment
Seitdem gilt: Ein Lauf pro Woche ohne Uhr. Ganz ohne — nicht „Uhr dabei, aber nicht draufgucken”, das ist wie Kuchen im Haus, den man nicht isst. Dieselbe Hausrunde, kein Start-Piep, kein Ziel-Piep.
Die ersten uhrlosen Läufe waren unangenehm nackt. Woher weiß ich, ob es ein guter Lauf war? Dann die leise Einsicht: Ich war draußen, ich bin gelaufen, es ging mir danach besser als davor. Das war die Antwort. Sie hat nur keine Kachel in der App.
Was zurückkommt
Ohne Zahlen läuft man nach Gefühl — und das Gefühl wird messbar besser darin, Tempo und Anstrengung selbst einzuschätzen. Man hört wieder auf Atem und Beine statt auf Zwischenzeiten. Und man erinnert sich an Läufe wieder über das, was passiert ist — der Reiher am Kanal, der plötzliche Regen — statt über ihre Durchschnittspace.
Die Uhr ist geblieben, sechs Tage die Woche. Sie ist ein wunderbares Werkzeug und ein miserabler Chef. Der siebte Tag erinnert uns beide daran, wer von uns der Läufer ist.