Die ersten zwei Jahre bin ich jede Runde zu schnell gelaufen. Nicht schnell —
zu schnell: dieses Tempo, bei dem man sich nichts beweist außer, dass man
sich quälen kann, und bei dem jede Runde ein kleiner Wettkampf gegen die
eigene Uhr von letzter Woche ist.
Es hat mich fast vom Laufen weggebracht. Jede Runde war anstrengend, also
brauchte jede Runde Überwindung, also wurden es weniger Runden.
Der Satz, der es geändert hat
Irgendwo las ich einen Satz, der bei mir hängen geblieben ist: Die meisten
Läufe sollten sich so anfühlen, dass man nebenbei erzählen könnte, was es
zum Abendessen gab. Beim ersten Versuch war ich schockiert, wie langsam
das ist. Gefühlt Schritttempo. Ich habe mich umgesehen, ob jemand guckt.
Aber der Lauf war — schön? Ich kam zurück und wollte am nächsten Tag wieder
raus. Das war neu.
Was sich seitdem verändert hat
- Ich laufe öfter. Weil es keine Überwindung mehr kostet. Die Hürde
zwischen Sofa und Haustür ist niedrig geworden.
- Die Beine erholen sich schneller. Kein Humpeln am Tag danach, kein
Verhandeln mit der Treppe.
- Und paradox: die schnellen Tage wurden schneller. Weil ich sie mir
jetzt leisten kann — einer pro Woche, mit Absicht, statt sieben halbe
Wettkämpfe aus Versehen.
Der Stolz-Faktor
Das eigentliche Hindernis war nie die Physiologie, sondern das Ego.
Langsam laufen, wo einen andere sehen, fühlt sich am Anfang wie eine
Niederlage an. Bis man merkt: Die Person, die einen überholt, sieht nur
jemanden, der läuft. Mehr steht da nicht.
Falls du gerade in der Zu-schnell-Falle steckst: Versuch zwei Wochen lang
das Erzähltempo. Es kostet nichts außer ein bisschen Eitelkeit, und mehr
hatte ich am Ende auch nicht zu verlieren.