Ich habe zwei verschiedene Läufer in mir wohnen. Der eine läuft abends
nach der Arbeit: locker, rund, als würde der Weg von allein unter den
Schuhen wegrollen. Der andere läuft morgens um halb sieben: eckig,
schwer, jeder Kilometer eine kleine Verhandlung. Jahrelang dachte ich,
der Morgenläufer sei einfach die schlechtere Ausgabe von mir. Dann habe
ich nachgelesen — und der Morgenläufer bekam so etwas wie eine
wissenschaftliche Entschuldigung.
Der Nachmittag hat meistens die besseren Karten
Die Übersichtsarbeit von Chtourou und Souissi (2012) fasst zusammen, was
viele Einzelstudien finden: Die körperliche Leistung schwankt über den
Tag, und ihr Hoch liegt für die meisten Menschen am späten Nachmittag
oder frühen Abend. Körpertemperatur, Reaktionszeit, Muskelkraft — alles
folgt derselben Tageskurve nach oben. Morgens läuft der Körper noch im
Sparmodus, nachmittags ist er auf Betriebstemperatur.
Das Spannendste an der Arbeit ist aber ein zweiter Befund: Der Körper
stellt sich auf Regelmäßigkeit ein. Wer immer morgens trainiert, wird
mit der Zeit morgens besser — die Tageskurve lässt sich durch Gewohnheit
verbiegen, wenn auch selten ganz geradebiegen. Mein Morgenläufer ist
also nicht verdammt, er ist nur untrainiert zur falschen Uhrzeit.
Das Aufwärmen zählt morgens doppelt
Atkinson und Kollegen (2005) haben das an Radfahrern gezeigt, und die
Logik gilt auf der Laufstrecke genauso: Morgens fiel die Leistung
schwächer aus als nachmittags — aber mit einem gründlichen Aufwärmprogramm
schrumpfte der Unterschied deutlich zusammen. Der kalte Morgenmuskel ist
kein Schicksal, er ist ein Startzustand.
Seit ich das weiß, bekommt mein Morgenlauf zehn Minuten Aufwärmen
geschenkt, die ich ihm früher nie gegönnt habe: zügiges Gehen, dann
Steigerungen, erst danach Tempo. Der Unterschied ist kein Wunder, aber er
ist spürbar. Die ersten zwei Kilometer gehören nicht mehr dem Leiden,
sondern dem Ankommen.
Und manchmal zeigt die Uhrzeit gar nichts
Zur Ehrlichkeit gehört der Gegenbefund: Dalton und Kollegen (1997)
fanden in ihrem Radtest schlicht keinen Unterschied zwischen den
Tageszeiten. Nicht jede Sportart, nicht jeder Test, nicht jeder Mensch
folgt der Kurve. Chronotyp spielt mit hinein — wer von Natur aus früh
wach ist, läuft morgens anders als die Nachteule. Die Tageszeit ist ein
leiser Faktor, kein lauter.
Was die Daten nicht zeigen
Sie zeigen keine „beste Laufzeit für die Gesundheit”. Keine Studie sagt,
dass Abendjoggen gesünder wäre als Morgenjoggen oder umgekehrt — es geht
in dieser Forschung um Leistung in Tests, nicht um ein längeres Leben.
Und sie zeigen erst recht nicht, dass man seinen Rhythmus umstellen
sollte: Wer sich um fünf aus dem Bett quält und dafür eine Stunde Schlaf
opfert, verliert mehr, als die Tageskurve je hergibt. Schlaf schlägt
Uhrzeit, immer.
Meine Regel daraus
Ich laufe, wenn es in den Tag passt — und das ist meistens abends. Wenn
es morgens sein muss, wärme ich mich auf wie ein Profi und erwarte wie
ein Anfänger: langsam anfangen, nichts beweisen. Die beste Laufzeit ist
nicht die mit der höchsten Kurve im Lehrbuch. Es ist die, die nächste
Woche auch noch stattfindet.