Lauf & Luft

Ein Lauftagebuch. Langsam, draußen, meistens zufrieden.

Technik & Tempo29. September 2026 · 3 Min.

Morgens oder abends: wann es bei mir läuft

Abends fliegt bei mir alles, morgens fühlt sich jeder Kilometer an wie Treppe. Was die Forschung zur Tageszeit wirklich zeigt — und was nicht.

Läuferin auf Feldweg im frühen Morgenlicht

Die Uhrzeit ist nicht alles. Aber sie ist auch nicht nichts.

Kurz gesagtDie beste Laufzeit ist die, die du wiederholst. Wenn es morgens ist: länger aufwärmen.

Ich habe zwei verschiedene Läufer in mir wohnen. Der eine läuft abends nach der Arbeit: locker, rund, als würde der Weg von allein unter den Schuhen wegrollen. Der andere läuft morgens um halb sieben: eckig, schwer, jeder Kilometer eine kleine Verhandlung. Jahrelang dachte ich, der Morgenläufer sei einfach die schlechtere Ausgabe von mir. Dann habe ich nachgelesen — und der Morgenläufer bekam so etwas wie eine wissenschaftliche Entschuldigung.

Der Nachmittag hat meistens die besseren Karten

Die Übersichtsarbeit von Chtourou und Souissi (2012) fasst zusammen, was viele Einzelstudien finden: Die körperliche Leistung schwankt über den Tag, und ihr Hoch liegt für die meisten Menschen am späten Nachmittag oder frühen Abend. Körpertemperatur, Reaktionszeit, Muskelkraft — alles folgt derselben Tageskurve nach oben. Morgens läuft der Körper noch im Sparmodus, nachmittags ist er auf Betriebstemperatur.

Das Spannendste an der Arbeit ist aber ein zweiter Befund: Der Körper stellt sich auf Regelmäßigkeit ein. Wer immer morgens trainiert, wird mit der Zeit morgens besser — die Tageskurve lässt sich durch Gewohnheit verbiegen, wenn auch selten ganz geradebiegen. Mein Morgenläufer ist also nicht verdammt, er ist nur untrainiert zur falschen Uhrzeit.

Das Aufwärmen zählt morgens doppelt

Atkinson und Kollegen (2005) haben das an Radfahrern gezeigt, und die Logik gilt auf der Laufstrecke genauso: Morgens fiel die Leistung schwächer aus als nachmittags — aber mit einem gründlichen Aufwärmprogramm schrumpfte der Unterschied deutlich zusammen. Der kalte Morgenmuskel ist kein Schicksal, er ist ein Startzustand.

Seit ich das weiß, bekommt mein Morgenlauf zehn Minuten Aufwärmen geschenkt, die ich ihm früher nie gegönnt habe: zügiges Gehen, dann Steigerungen, erst danach Tempo. Der Unterschied ist kein Wunder, aber er ist spürbar. Die ersten zwei Kilometer gehören nicht mehr dem Leiden, sondern dem Ankommen.

Und manchmal zeigt die Uhrzeit gar nichts

Zur Ehrlichkeit gehört der Gegenbefund: Dalton und Kollegen (1997) fanden in ihrem Radtest schlicht keinen Unterschied zwischen den Tageszeiten. Nicht jede Sportart, nicht jeder Test, nicht jeder Mensch folgt der Kurve. Chronotyp spielt mit hinein — wer von Natur aus früh wach ist, läuft morgens anders als die Nachteule. Die Tageszeit ist ein leiser Faktor, kein lauter.

Was die Daten nicht zeigen

Sie zeigen keine „beste Laufzeit für die Gesundheit”. Keine Studie sagt, dass Abendjoggen gesünder wäre als Morgenjoggen oder umgekehrt — es geht in dieser Forschung um Leistung in Tests, nicht um ein längeres Leben. Und sie zeigen erst recht nicht, dass man seinen Rhythmus umstellen sollte: Wer sich um fünf aus dem Bett quält und dafür eine Stunde Schlaf opfert, verliert mehr, als die Tageskurve je hergibt. Schlaf schlägt Uhrzeit, immer.

Meine Regel daraus

Ich laufe, wenn es in den Tag passt — und das ist meistens abends. Wenn es morgens sein muss, wärme ich mich auf wie ein Profi und erwarte wie ein Anfänger: langsam anfangen, nichts beweisen. Die beste Laufzeit ist nicht die mit der höchsten Kurve im Lehrbuch. Es ist die, die nächste Woche auch noch stattfindet.

Woher die Zahlen kommen

  1. Chtourou & Souissi — The effect of training at a specific time of day (J Strength Cond Res, 2012)
  2. Atkinson et al. — Diurnal variation in cycling performance: influence of warm-up (J Sports Sci, 2005)
  3. Dalton et al. — Circadian rhythms have no effect on cycling performance (Int J Sports Med, 1997)

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