Mit 65 beginnt normalerweise der Verlust der Laufökonomie — so die verbreitete
Annahme, auf der ein ganzes Marktsegment aufbaut. Eine Studie mit
Kraftmesslaufband und zwei Altersgruppen sagt: Die Ökonomie bleibt. Die
Steifigkeit des Beins geht.
Was gemessen wurde
Je 15 junge und 15 ältere Läuferinnen und Läufer liefen auf einem
kraftmessenden Laufband bei drei Geschwindigkeiten: 2,01, 2,46 und 2,91 Meter pro
Sekunde. Erfasst wurden der metabolische Energieverbrauch, die
Bodenreaktionskräfte und die Schrittkinetik.
Das Ergebnis über alle drei Geschwindigkeiten: Die älteren verbrauchten 2 bis 9
Prozent weniger metabolische Energie als die jungen (P=0,012). Über den
Geschwindigkeitsbereich gab es also nur kleine Unterschiede in der Laufökonomie —
nach der Richtung, die niemand erwartet hatte.
Und die Gegenprobe: Die Beinsteifigkeit der älteren lag 10 bis 20 Prozent
unter der der jungen (P=0,002). Bei ihnen nahm sie mit steigender Geschwindigkeit
sogar weiter ab, während sie bei den Jungen zunahm.
Warum das ein zusammenhängender Befund ist
Laufökonomie hängt zu einem großen Teil daran, wie viel elastische Energie das
Bein während der Stützphase speichert und zurückgibt — wie eine Feder. Genau
dieses Zusammenspiel meinen die Autoren mit der Steifigkeit. Der ältere Laufende
ist also nicht effizienter geworden, sondern elastischer. Das ist eine kleine,
spezifische Aussage über den Materialspeicher im Bein, keine über den
Gesamtorganismus.
Der zweite Artikel stützt das aus der anderen Richtung, mit Gewebe statt mit
Messwerten: ein Review zur trainingsvermittelten Reinnervation im Alter. Mit den
Jahren werden Typ-2-Fasern bevorzugt denerviert und von langsamen Motoneuronen
reinnerviert, es entstehen Fasergruppen und ein Fasertypshift. Eine
Vorgängerstudie von 2013 fand bei Siebzigjährigen mit lebenslanger
Hochleistungstrainingsgeschichte eine deutlich stärkere Reinnervation des
vastus lateralis als bei einer Kontrollgruppe.
Was die Daten nicht zeigen
Sie zeigen nicht, dass ältere Läuferinnen und Läufer in jeder Hinsicht besser
abschneiden. Beide Gruppen umfassten 15 Personen, und 15 Personen sind keine
Altersgruppe, sondern ein Stichprobenfehler mit Fallhöhe. Sie zeigen auch nicht,
dass Training die Altersgrenze verschiebt: die Studie vergleicht Gruppen, sie
führt keine Trainingsintervention durch, und die Richtung der Kausalität — ob
trainierte ältere Läufer ihre Ökonomie behalten, weil sie trainieren, oder ob
die Ökonomie sie zum Weitertrainieren verleitet — bleibt offen. Und die
Reinnervationsarbeit ist Gewebe unter dem Mikroskop; sie sagt nichts über
Ausdauerleistung oder Verletzungsrisiko.
Die nüchterne Fassung: Der Mythos vom unvermeidlichen Ökonomieverlust ab 65 hat
weniger Daten, als er sollte — aber die Studie ist zu klein, um daraus ein
Trainingsversprechen zu bauen.