Es gibt ein Molekül, das in der Ausdauerwelt derzeit so tut, als hätte die Zellbiologie das Problem der Alterung gelöst. Es heißt Nicotinamidmononukleotid, abgekürzt NMN, und es ist der direkte Vorläufer von NAD+, jenem Koenzym, ohne das die Mitochondrien eines Menschen nicht arbeiten. Die Versuche an Mäusen sind beeindruckend. Die Versuche an Menschen sind eine andere Geschichte, und zwar eine, in der genau ein Detail alles entscheidet. Ich habe für diesen Artikel vier randomisierte Studien gelesen. Zwei klingen gut. Eine ist ein Null-Ergebnis mit einem Nebensatz, der fast wichtiger ist als das Hauptergebnis. Und die vierte ist die, über die alle schreiben – sie hat einen Fehler in der Gruppenbildung, den ein Leserkommentar öffentlich benannt hat, bevor ich ihn gefunden hätte.
Was die Zelltiere versprechen
Der Ausgangspunkt ist eine Beobachtung aus dem Nagersegment: Fettleibigkeit und Altern beeinträchtigen dort die NAD+-Biosynthese, und die Verfügbarkeit von NMN ist dabei der ratenlimitierende Schritt. Das steht so im Abstract der wichtigsten Studie von 2021, und es ist eine Aussage über Mäuse und über die Biochemie. Ob ein Mensch, der NMN schluckt, davon profitiert, ist eine andere Frage – und die ist teuer zu prüfen, weil Zehn-Wochen-Studien mit Clamp-Messungen nicht an einem Dienstagabend stattfinden.
Die Studie, über die alle schreiben
An der Washington University School of Medicine wurde zehn Wochen lang randomisiert, placebokontrolliert und doppelblind mit prädiabetischen Frauen in der Postmenopause untersucht, die übergewichtig oder adipös waren. Gemessen wurde die insulin-stimulierte Glukoseverarbeitung mit dem hyperinsulinämisch-euglykämischen Clamp sowie die Signalwege der Muskelzellen, gemessen an der Phosphorylierung von AKT und mTOR. Ergebnis: Beides stieg unter NMN und blieb unter Placebo unverändert. Zusätzlich wurde die Expression von Genen hochreguliert, die mit dem Muskelumbau zu tun haben.
Das klingt nach einem Ergebnis. Bevor man es zitiert, braucht man die Fußnote, und die Fußnote steht nicht im Artikel, sondern in einem Leserkommentar, der vier Wochen später in derselben Zeitschrift erschien: Die dreizehn Frauen der NMN-Gruppe hatten zu Beginn einen hepatischen Lipidgehalt von 6,3 Prozent mit einer Standardabweichung von 1,2, die zwölf Frauen der Placebogruppe dagegen 14,8 Prozent mit 2,0. Der Unterschied war mit p = 0,003 signifikant. Die Gruppen waren also nicht nur nach dem Zufall verschieden, sie waren schon vor der ersten Einnahme in genau dem Ausmaß verschieden, das diese Studie messen wollte.
Der Autor dieses Kommentars nennt die Studie deshalb keine wirksam randomisierte. Ich übernehme diese Formulierung, weil sie exakt ist und weil sie selten ist: Einmal falsch verteilt, kann ein Effekt nicht von der Substanz stammen. Dazu kommen die erklärten Interessenkonflikte derselben Arbeit – Patentlizenzgebühren über zwei Unternehmen, eine Patentanmeldung als Miterfinder und Forschungsförderung durch ein Pharmaunternehmen. Das disqualifiziert nichts. Es sagt, wer das Gericht gebaut hat.
Der Laufversuch mit den vier Armen
Am nächsten an meinem Thema ist eine Studie aus Guangzhou: sechs Wochen, randomisiert, doppelblind, placebokontrolliert, vier Arme, 48 trainiert Amateurläufer aus einem Running Team, jede Gruppe zehn Männer und zwei Frauen. Verwendet wurden drei unterschiedliche Tagesdosen und ein Placebo, trainiert wurde fünf- bis sechsmal pro Woche.
Das Ergebnis ist das komplizierteste der vier und verdient, wörtlich gelesen zu werden. In der Analyse der Veränderung gegenüber dem Ausgangswert stiegen der Sauerstoffverbrauch, der Anteil der maximalen Sauerstoffaufnahme, die Leistung an der ersten und an der zweiten ventilatorischen Schwelle in den mittleren und hohen Dosisgruppen stärker als in der Kontrollgruppe. Gleichzeitig gab es in keiner der Gruppen – auch nicht unter der höchsten Dosis – einen Unterschied gegenüber dem Ausgangswert bei der absoluten maximalen Sauerstoffaufnahme, beim Sauerstoffpuls, beim Sauerstoffverbrauch bezogen auf die Belastungsrate und bei der Spitzenleistung.
Man kann das als Erfolg lesen und als Enttäuschung. Beides steht im selben Satz. Wer Ihnen erzählt, NMN erhöhe die Ausdauerleistung, hat die Schwellen ausgewählt und die Spitzenleistung weggelassen. Wer Ihnen erzählt, es gebe keinerlei Wirkung, hat dasselbe in umgekehrter Richtung getan. Zwölf Personen pro Arm, sechs Wochen, ein einzelnes Messpunkt am Ende – das ist eine Studie, die eine Frage aufwirft, nicht eine, die sie beantwortet.
Der Wirkort stimmt, die Wirkung nicht
Der Japaner Datensatz hat eine andere Frage gestellt: Nicht Leistung, sondern Biochemie. Zufällig, doppelblind, placebokontrolliert, parallelgruppen, sechs oder zwölf Wochen, bei gesunden älteren Männern. Das Ergebnis ist das sauberste der vier: Die Blutspiegel von NAD+ und seiner Metaboliten stiegen signifikant, die Einnahme wurde gut vertragen, und bei Körperzusammensetzung gab es keinen Effekt.
Bei Gehgeschwindigkeit und Greifkraft gab es Verbesserungen, die die Autoren selbst als nominal bezeichnen und die in größeren Studien bestätigt werden müssten. Das Wort nominal ist in einer randomisierten Studie ein Warnzeichen, kein Detail – es bedeutet, dass die vorgeplante statistische Schwelle nicht erreicht wurde. Drei der Autoren arbeiten bei der Mitsubishi Corporation Life Sciences.
Was das für den Laden heißt
Die ehrliche Zusammenfassung ist kürzer als die Werbung und hält der Prüfung stand: NMN erhöht den NAD-Spiegel im Blut. Das ist gut belegt. Ob daraus mehr Ausdauer, mehr Muskel oder weniger Alterung wird, ist offen, und die auffälligste Studie, die dafür angeführt wird, hatte eine Gruppenbalance, die einer Prüfung nicht standhält.
Wer sich mit dem Thema beschäftigen will, sollte dabei nicht beim Produktnamen anfangen, sondern bei der Frage, was gemessen wurde. Diese Unterscheidung habe ich beim Durcharbeiten der Quellen immer wieder gebraucht, und sie findet sich auch in der Händlerliteratur – dort konsequent getrennt nach den drei Molekülen, dem einen existierenden menschlichen Versuch und dem, was nicht belegt ist: NAD, NMN und Nicotinamid, drei Moleküle, ein Wort. Der Abschnitt über die Moleküle selbst ist der Grund, warum ich auf die Zahlen in diesem Artikel überhaupt gelesen habe.