Koffein ist der am besten untersuchte Ausdauerhilfsmittel der Sportwissenschaft,
und trotzdem wird es fast immer mit derselben Zahl zusammengefasst. Diese Zahl
stammt aus den Versuchen mit Zeit bis zur Erschöpfung. Für echte Zeitrennen
fällt der Effekt deutlich kleiner aus. Der Unterschied zwischen diesen beiden
Endpunkten ist der eigentliche Inhalt dieses Artikels.
Wang und Mitautoren durchsuchten vier Datenbanken bis zum5. Oktober 2022 und
schlossen ausschließlich Crossover-Experimente ein, in denen Koffein gegen
Placebo getestet wurde, einfach oder doppelt randomisiert und verblindet. Das
Verzerrungsrisiko wurde mit dem Cochrane-Werkzeug RoB 2 bewertet, die
Zusammenfassung lief über ein Zufallseffektmodell mit der standardisierten
Mittelwertdifferenz nach Hedges g.
Der Pool: 21 randomisierte kontrollierte Studien, 254 Teilnehmende — davon
220 Männer, 19 Frauen und 15 ohne Angabe zum Geschlecht. 167 wurden als
Freizeitätsläufer eingestuft, 87 als trainierte Läufer. Die Koffeindosen
lagen zwischen 3 und 9 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht.
Die Gesamteinschätzung der methodischen Qualität: unklar bis geringes
Verzerrungsrisiko.
Die zwei Endpunkte, getrennt gelesen
Zeit bis zur Erschöpfung: g = 0,392. Konfidenzintervall 0,214 bis 0,571,
p < 0,001, Größenordnung mittel.
Zeitfahren: g = −0,101. Konfidenzintervall −0,190 bis −0,012, p = 0,026,
Größenordnung klein.
Das ist nicht dieselbe Aussage in zwei Worten. Rund viermal so groß. Der
Wert für die Zeit bis zur Erschöpfung rechtfertigt keine Übertragung auf ein
Rennen über eine festgelegte Strecke, denn die beiden Endpunkte messen
unterschiedliche Dinge: Der erste misst, wie lange jemand einen Maximaleinsatz
durchhält, der zweite, wie schnell jemand ein festgelegtes Pensum absolviert.
Die Subgruppenanalyse zeigt, dass beide Gruppen bei der Erschöpfung im mittleren
Bereich liegen: Freizeitätsläufer g = 0,469, trainierte Läufer g = 0,344. Der
Effekt ist also nicht auftrainierte Läufer beschränkt.
Eine ältere Studie, die dieselbe Asymmetrie findet
Diese Meta-Analyse war nicht die erste, die den Unterschied gesehen hat. Eine
Review von 2016 untersuchte gezielt Kaffee vor dem Training, also nicht
Koffein in Reinform. Neun Studien erfüllten die Einschlusskriterien, darunter
die Angabe der verabreichten Dosis, die Gabe mindestens 45 Minuten vor dem Test
und ein gemessener Ausdauerparameter.
Das Ergebnis, und es ist bemerkenswert klar getrennt:
- in fünf von neun Studien signifikante Verbesserung
- im Mittel 24,2 Prozent über der Kontrollgruppe bei Zeit-bis-zur-
Erschöpfung-Versuchen
- im Mittel 3,1 Prozent bei Zeit-bis-zur-Vollendung-Versuchen
Eine unabhängige Bestätigung derselben Asymmetrie, sechs Jahre vor der
Meta-Analyse und mit einer anderen Substanz als Versuchsgegenstand.
Auffällig ist außerdem: In drei von sechs Studien senkte Kaffee die subjektive
Belastungsempfindung gegenüber der Kontrollbedingung signifikant. Der
subjektive Eindruck und die gemessene Zeit stimmen also nicht vollständig
überein — wer sich beim Laufen leichter fühlt, wird nicht zwingend schneller.
Was die Autoren selbst einschränken
Beide Papiere schränken hier ausdrücklich ein, und diese Einschränkung ist der
brauchbarste Teil der ganzen Seite.
Die Meta-Analyse von 2022 schreibt, dass mehr Evidenz nötig ist, um den Effekt
bei Frauen zu bestimmen — bei 19 Frauen in 254 Teilnehmenden ist das kaum
überraschend — und um die beste Dosis zu bestimmen, um den ergogenen Effekt zu
maximieren.
Die Kaffee-Review nennt die Evidenzlage zur Koffeinzufuhr über Kaffee als
mäßig und akzeptiert 3 bis 8,1 Milligramm pro Kilogramm Koffein als sichere
Alternative zur Reinsubstanz. Das war 2016 der Stand; die Dosierungsempfehlungen der
Welt-Anti-Doping-Agentur sind strenger und seitdem nicht einfacher geworden.
Was diese Literatur nicht zeigt
Nicht einen Zugewinn bei jedem Rennen. Für Zeitfahren liegt der Effekt bei
g = −0,101.
Nicht 24 Prozent schneller. Diese Zahl stammt aus
Erschöpfungsprotokollen und wird in zwei Meta-Analysen durchweg mit g = 0,39
konfundiert. Die beiden Kennzahlen gehören nicht in denselben Satz.
Nicht für Frauen. 19 von 254, und die Autoren sagen es selbst.
Nicht, dass Kaffee die Leistung ersetzt. In keiner dieser Studien wurde
Koffein gegen ein Laufprogramm getestet.
Fazit
Koffein hilft beim Ausdauerlauf, und die Wirkung ist gut genug, dass sie in
21 Studien mit 254 Läufern wiederholt wurde. Aber sie ist deutlich größer beim
Halten eines Maximaleinsatzes als beim Fahren eines Rennens. Wer beides mit
derselben Zahl zusammenfasst, verkauft die größere Zahl für die kleinere
Leistung.