Es gibt ein Sortiment, das in fast jedem Laufgeschäft im Regal steht und dessen
Etikett eine einzige Behauptung trägt: Regeneration. Die Behauptung ist
vermutlich ehrlich gemeint. Der Fehler beginnt eine Ebene tiefer, bei der Frage,
was mit „Regeneration” in den Studien dieser Produkte überhaupt gemessen wurde. Die
Antwort lautet zweimal: bei einer Gruppe das Körpergewicht, bei der anderen die
Zellbiologie des Trainings. Und beides ist nicht die Frage, die ein Läufer stellt.
Was hinter den Verpackungen steckt, hat peptheon.eu in einer
Forschungsseite zu Ausdauer-Pens gesammelt:
Glutamin und Antioxidantien bei Ausdauer.
Glutamin: 47 Studien, 25 ausgewertet, ein Ergebnis
Die Metaanalyse von 2019 ist die belastbarste Zusammenfassung, die es zu diesem
Supplement gibt. Gesucht wurde in fünf Datenbanken bis Januar 2017; 47 Studien
kamen in die Übersicht, 25 Studien erfüllten die Kriterien der
Metaanalyse. Untersucht wurden Körpermasse, fettfreie Körpermasse,
Körperfettanteil, maximale Sauerstoffaufnahme, Lymphozyten, Leukozyten und
Neutrophilenzahl.
Das Ergebnis, das in Zusammenfassungen zitiert wird:
- Körpergewicht: gewichtete mittlere Differenz von minus 1,36 Kilogramm,
95-Prozent-Konfidenzintervall von minus 2,55 bis minus 0,16, p gleich 0,02.
- Neutrophilenzahl sank bei Einnahmemengen über 200 Milligramm pro Kilogramm
Körpergewicht: minus 605,77, p gleich 0,03.
- Glutamindipeptid erhöhte nach dem Training den Blutzucker: plus 0,51,
Konfidenzintervall 0,18 bis 0,83, p gleich 0,002.
Und dann der entscheidende Satz des Artikels: Es gab keinen Zusammenhang
zwischen der Glutamineinnahme und den anderen untersuchten Zielgrößen.
Nicht auf die maximale Sauerstoffaufnahme. Nicht auf die Leistung. Ein
Kilo auf der Waage ist ein Messwert; ob man schneller läuft, steht an anderer
Stelle.
Antioxidantien: die Gegenrichtung
Bei den Antioxidantien ist die Datenlage anders, weil sie in die andere Richtung
zeigt. Paulsen und Kollegen haben 2016 im Journal of Physiology die Frage
gestellt, ob Antioxidantien die Anpassung des Skelettmuskels an das Training
stören — und die verbreitete Begründung für ihre Einnahme gleich zerlegt: dass
reaktive Sauerstoff- und Stickstoffspezies ubiquitär Schaden verursachen, sei
zu einfach gedacht, denn ihre Bedeutung als Signal im Adaptationsprozess sei
inzwischen deutlich.
Ihre Bilanz: Es gebe zunehmende Belege, dass Antioxidantien die durch
Ausdauertraining ausgelösten Steigerungen von Antioxidationskapazität,
Mitochondrienbiogenese, Zellabwehr und Insulinsensitivität abschwächen können.
Und, wichtiger: Dies ist kein allgemeingültiger Befund. Die Ergebnisse sind
nicht durchgängig, was auf Redundanz in den Regulationsmechanismen hindeutet.
Bemerkenswert ist dabei, was die Autoren nicht schreiben. Sie halten fest,
dass es keine überzeugenden Belege für einen nachteiligen Effekt auf die
Leistung gibt. Die Trainingsanpassung ist also der Ort, an dem Antioxidantien
etwas bewegen — nicht der Renntag.
Die Übersichtsarbeit von 2020 zu den Ausdaueranpassungen zieht dieselbe Linie
und ergänzt sie um die praktische Hälfte: Natriumbicarbonat und Beta-Alanin
können die Leistung verbessern und möglicherweise auch die Anpassung, weil sie
die Pufferkapazität verändern; Antioxidantien wie Vitamin C und Vitamin E können
die Anpassung beeinträchtigen, scheinen aber kaum einen Effekt auf die
Leistungsergebnisse zu haben.
Was diese Daten nicht zeigen
- Kein Effekt von Glutamin auf die Leistung. Die Metaanalyse stellt das
ausdrücklich fest: kein Zusammenhang mit den anderen untersuchten
Zielgrößen, einschließlich der maximalen Sauerstoffaufnahme.
- Kein Effekt von Antioxidantien auf die Leistung, sofern die Autoren
recht behalten. Die Bothmöglichkeit ist, dass eine Dämpfung der Anpassung den
Leistungsgewinn über Monate kleiner ausfallen lässt; gemessen ist das in
diesen Arbeiten nicht.
- Keine Aussage zur Regeneration im engeren Sinn. Weder Muskelkater noch
Schlaf noch Entzündungsmarker stehen im Ergebnisteil dieser Arbeiten.
- Kein direkter Vergleich der beiden Gruppen. Glutamin und Antioxidantien
wurden in getrennten Literatursträngen untersucht, mit unterschiedlichen
Endpunkten und unterschiedlichen Studien designs.
- Die Neutrophilenzahl ist kein Leistungsindikator. Der Effekt bei hohen
Einnahmemengen ist immunologisch, nicht leistungsphysiologisch, und die
Autoren beschreiben ihn selbst als Teil eines Gesamtbildes ohne
Anschlusswirkung auf die übrigen Zielgrößen.
In einem Satz
Glutamin hat in 25 ausgewerteten Studien das Gewicht bewegt und die Leistung
nicht; Antioxidantien dämpfen laut Übersichtsarbeiten die Trainingsanpassung und
sparen offenbar die Leistung. Zwei Supplementklassen, zwei Messgrößen, und ein
gemeinsames Wort auf der Verpackung.