Wer einmal in einem Trainingslager oder in einer Apotheke ein Fläschchen in der
Hand gehalten hat, kennt die Satzstruktur der Werbung: “Drittel-Part-Tested”,
“Laborgeprüft”, “Unabhängig verifiziert”. Ich auch. Der Grund, warum ich solche
Sätze nie wieder allein stehen lasse, ist ein Dokument, das ich irgendwann in
der Hand hatte und das erst mal gar nichts hergab, bis ich begriffen hatte,
worauf ich eigentlich schauen muss.
Ein Analysedokument ist kein Siegel und kein Prädikat. Es ist ein
Messprotokoll: Labor, Charge, Datum, Methode, Ergebnis, und eine Signatur, die
für die Freigabe steht. Genau diese Freigabe ist übrigens keine Erfindung der
Ernährungsindustrie, sondern eine alte regulatorische Formel. Im
amerikanischen Arzneimittelrecht verlangt 21 CFR 211.84, dass jede Charge vor
ihrer Freigabe geprüft wird, und zwar mit geschultem Personal, das die
Prüfung dokumentiert. Was dort für Arzneimittel gilt, ist für alles, was ohne
Rezept in der Hand landet, gute Praxis.
Warum das nicht automatisch Vertrauen schafft
Weil gefälschte und ungeprüfte Dokumente in erstaunlichem Umfang vorkommen.
Zwischen 2007 und 2016 hat die US-Behörde für Lebens- und Arzneimittel 776
Nahrungsergänzungsmittel als verfälscht gemeldet, verteilt auf 146 Unternehmen.
Am häufigsten betroffen waren Mittel mit Sexualfunktions-Werbehinweis, danach
Abnehmprodukte, dann Muskelaufbau-Produkte. Bei fast einem Fünftel der
Meldungen enthielt das Produkt mehr als einen nicht zugelassenen Wirkstoff. Das
Szenario, das die Meldungen auslöste, war über die Jahre selten ein
sauberes, absichtlich verfälschtes Produkt: Es war ein Panel aus ungeprüften
Zulieferern, aus nicht kontrollierten Abfüllungen und aus Laboren, die nicht
imstande oder nicht bereit waren, ein Analysedokument im ursprünglichen Sinn
überhaupt zu erstellen.
Die Übersicht über diese Rückrufwarnungen steht hier:
Wie man ein Analysezertifikat prüft -
für die Details, die hier nur kursorisch durchgegangen werden.
Bei Peptiden ist die Fragestellung eine andere als bei
Nahrungsergänzungsmitteln:
Was ein Reinheitstest eines Peptids tatsächlich belegt
— und was nicht.
Die fünf Zeilen, die ich zuerst suche
Wenn jemand in einer Gruppe ein Analysedokument in den Umschlag schiebt, sehe
ich in dieser Reihenfolge hinein.
Die Bezeichnung der Methode. Irgendeine anerkannte
Messverfahrensbezeichnung muss das Dokument nennen. Ohne sie ist jede Zahl
bedeutungslos, weil nicht erkennbar ist, ob gemessen oder hochgerechnet wurde.
Die internationale Leitlinie zur Validierung von Analyseverfahren, die der
Behörde als ICH Q2(R2) vorliegt, verlangt genau das als ersten Schritt eines
belastbaren Prüfprotokolls: die Angabe, woran das Verfahren überhaupt validiert
wurde.
Die Ergebnisangabe mit Messbereich. Ein Wert, der exakt der Nennmenge
entspricht, ist in der Realität selten und sollte Fragen auslösen. Umgekehrt ist
ein Wert knapp unter der Nennmenge völlig normal - das ist Materialverlust, kein
Betrug.
Die Charge und das Datum. Ein Dokument ohne Chargenbezug gilt streng
genommen für nichts, weil die geprüfte Menge nicht identifizierbar ist.
Das Labor. Der Name muss stehen, und er muss etwas bedeuten. Ein PDF, in dem
nur “Labor” oder ein Firmenlogo ohne Ort und Akkreditierung steht, ist die
häufigste Ausrede, die mir begegnet ist.
Die Signatur und die Freigabedatei. Im pharmazeutischen Bereich ist das ein
harter Punkt: Das Protokoll muss von einer freigebenden Person abgezeichnet sein,
und die Freigabe darf erst nach der Prüfung erfolgen. Fehlt das, ist das
Dokument ein Druckprodukt.
Woran ich einen fabrizierten Ausdruck erkenne
An der Sorgfalt des Formulars, nicht am Inhalt. Echte Labordokumente sind
häufig unsauber: mehrere Schriftarten, Tabellenreste, ein Kopf, der nicht
zum Fuß passt, Tippfehler im Produktnamen. Fabrizierte sehen genau aus wie eine
Werbebroschüre: perfekte Ausrichtung, keine Nebengeräusche, ein Datum ohne
Uhrzeit. Und sie enthalten fast nie die eine Sache, die kein Formular
hervorbringt, weil sie unangenehm ist: den Hinweis, dass eine zweite Prüfung
nötig war.
Was die Daten nicht zeigen
Sie zeigen nicht, dass jedes Produkt mit Analysedokument sauber ist und jedes
ohne eines unsauber ist. Sie zeigen nicht, dass ein Analysedokument für die
Abwesenheit von Risiken steht - es steht für genau eine Sache, nämlich dafür,
dass eine bestimmte Messung bei einer Charge durchgeführt wurde. Die
Forschungsliteratur zur Kontamination im Leistungssport beschreibt
darüber hinaus den kompletten Weg von der Charge bis zur eigenen Blutprobe,
und der hat viele Stationen, auf denen niemand die Chargennummer sieht.
Der verlinkte Artikel fasst veröffentlichte Arbeiten und geltende
Regelwerke zusammen. Sie ersetzen keine Fachberatung im Labor.