Kaum eine Frage kommt so oft im Laufsport wie diese: Macht Lauftraining
das Knie kaputt? Die ehrliche Antwort lautet seit Jahren: auf der Basis der
Bildgebung nein. Das Interesse verlagert sich deshalb auf eine zweite, unangenehmere
Frage: Wenn das Knie schon kaputt ist, was macht dann ein Trainingseinlauf mit
dem Knorpel?
Was die große Review tatsächlich gefunden hat
Die aktualisierte systematische Review von 2023 in Orthopaedic Journal of Sports
Medicine hat PubMed, die Cochrane Library und Embase durchsucht, mit den
Suchbegriffen „knee AND osteoarthritis AND (run OR running OR runner)“, und
17 Studien eingeschlossen: 6 Evidenzstufe 2, 9 Stufe 3, 2 Stufe 4. 7.194
Läuferinnen und Läufer gegen 6.947 Nichtläufer.
Zwei methodische Details, die man kennen muss, bevor man die Zahlen liest. Die
mittlere Follow-up-Zeit lag bei 55,8 Monaten in der Läufergruppe und bei 99,7
Monaten in der Nichtläufergruppe – die Gruppen wurden also unterschiedlich lange
beobachtet. Und das mittlere Alter war 56,2 Jahre bei den Läufern gegen 61,6
Jahre bei den Nichtläufern.
Das Ergebnis, das alle zitiert wird, ist die Abwesenheit eines Unterschieds bei
den radiologischen Befunden: kein signifikanter Unterschied in der Prävalenz
der radiologischen Knie-OA, gemessen am tibiofemoralen und patellofemoralen
Gelenkspalt oder im Kellgren-Lawrence-Grad, und keiner bei der Knorpeldicke im
MRT (p > 0,05). Nur eine einzelne Studie fand höhere Osteophytenhäufigkeit in
der Läufergruppe.
Und jetzt die Zahl, die niemand zitiert, weil sie in die Gegenrichtung geht:
Die Prävalenz von Knieschmerz war in der Nichtläufergruppe signifikant höher
(p < 0,0001). In einer weiteren Studie war das Risiko, dass eine bestehende
Knie-OA bis zum totalen Knieersatz fortschreitet, bei den Nichtläufern höher –
4,6 gegen 2,6 Prozent (p = 0,014).
Ein Befund, der symptomatisch und radiologisch auseinanderläuft, ist kein
Widerspruch. Er ist der übliche Befund in der Arthrose-Forschung und der Grund,
warum man für die Antwort auf die Ausgangsfrage beide Ebenen lesen muss.
Was 30 Minuten Lauf mit dem Knorpel machen
Die Studie, die sich mit der zweiten Frage beschäftigt, ist eine Pilotstudie
von 2019 in Knee. Zehn weibliche Läuferinnen mit symptomatischer Knie-OA
(mittleres Alter 52,6 ± 7,6 Jahre) und zehn ohne (52,5 ± 7,8). Beide Gruppen
liefen 30 Minuten auf dem Laufband. Vorher und unmittelbar danach wurde die
T2- und die T1rho-Relaxationszeit des tibiofemoralen Knorpels im MRT gemessen
– ein Weg, die Wasserverteilung im Knorpel zu messen.
Die Koppelemente zwischen den Gruppen: keine. Keine Gruppen-×
Zeit-Wechselwirkung für T2 (p ≥ 0,076) und keine für T1rho (p ≥ 0,288).
Innerhalb der Arthrose-Gruppe gab es sehr wohl Veränderungen. Gegenüber dem
Ausgangswert stiegen die T2-Werte medial und lateral am Femur 55 Minuten nach
dem Lauf um 5,4 bis 5,5 Prozent (p < 0,022) und in allen vier tibiofemoralen
Kompartimenten 90 Minuten nach dem Lauf um 6,9 bis 11,1 Prozent (p < 0,01).
Die Autoren schreiben das vorsichtig, aber eindeutig: Die statistisch
insignifikanten Wechselwirkungen trotz der beobachteten signifikanten T2-Anstiege
könnten auf langsamere und fortdauernde Veränderungen des Knorpels hindeuten
und damit auf einen Bedarf an längerer Erholung nach dem Laufen.
Zwanzig Personen, ein Lauf, ein MRT. Das ist kein Beweis für einen
Knorpelschaden – aber es ist die beste verfügbare Messung, und sie sagt etwas
anderes als „Laufen ist gefährlich”.
Warum die Forschung gerade erst anfängt
Die TRAIL-Kohorte in Australien, deren Profil 2025 in BMJ Open
veröffentlicht wurde, ist der Grund, warum diese Frage gerade neu aufgerollt
wird. Läuferinnen und Läufer von 18 bis 50 Jahren mit mindestens drei Läufen und
mindestens 10 Kilometern pro Woche in den zurückliegenden sechs Monaten, Rekrutierung
zwischen Juli 2020 und August 2023. Von 462 Online-Registrierungen nahmen 268
teil: 135 mit Kniechirurgie in der Anamnese und 133 nicht-chirurgische Kontrollen.
Bei den Operierten hatten 60 Prozent eine Rekonstruktion des vorderen
Kreuzbands, 33 Prozent eine Meniskus- und/oder Knorpeloperation.
Geplant sind zehn Jahre Follow-up mit Knie-MRT und patientenberichteten
Endpunkten zu Baseline, nach vier und nach zehn Jahren, bei fortlaufender
Erfassung der Trainingslast mit Wearables.
Eine Revisionsstudie auf Evidenzstufe 4 mit einer mittleren Follow-up-Zeit von
unter fünf Jahren kann eine degenerative Entwicklung nicht ausschließen. Ein
Zehnjahres-MRT bei 214 Läuferinnen und Läufern kann es. Diese Studie läuft.
Was das für die Praxis heißt
Nicht: „Laufen schont das Knie.” Das ist eine Umkehrung der Beweislast, und der
Datensatz trägt sie nicht – die Kohorten sind älter, die Läufer haben teils
bereits operierte Knie, und die Radiologie misst Struktur, nicht Beschwerden.
Sondern: Auf der Ebene des*röntgen- und MRT-Befunds hat Lauftraining in 17
Studien keinen Nachteil gegenüber Nichtläufern gezeigt. Auf der Ebene des
Symptoms ist es umgekehrt: Nichtläufer hatten mehr Knieschmerzen. Und wenn
bereits eine Arthrose mit Symptomen vorliegt, deuten die T2-Messungen darauf
hin, dass der Knorpel nach dem Lauf länger braucht, um zurück in die
Ausgangslage zu kommen – das ist ein Argument für Tage dazwischen, nicht für
Aufhören.
Wer Knieschmerzen hat, sollte das als Grund für eine Belastungsänderung
nehmen, nicht für das Ende des Laufsports. Die Frage, ob Gelenkschmerz
überhaupt messbar ist und womit man ihn behandelt, ist eine getrennte
Frage – und eine, für die es randomisierte Trials gibt. Am nächsten an
Entzündungs-Endpunkten dran ist das KPV-Tripeptid und seine
Evidenzlage:
zwei Maus-Studien zu Kolitis und, am Hornhautepithel, acht von acht
behandelten Kaninchenhornhäuten vollständig re-epithelialisiert bei null
Placebo. Das ist ein Tiermodell und kein Gelenk – aber es zeigt, wie eine
Wirkung sauber belegt aussieht und wo die Datei endet: null klinische
Studien, null humaner Endpunkt.
Was diese Daten nicht zeigen
Sie zeigen nicht, dass jede Laufmenge bei jedem Knie gleich ist: die
Eingangsstudien schließen Läufer mit akuter Verletzung aus, und die
Pilotstudie umfasste zehn Frauen. Sie trennen nicht die Dauer des Laufs vom
Alter der Läsion. Die T2-Erhöhung ist ein MRT-Messwert und keine Diagnose;
die Autoren selbst formulieren sie als Möglichkeit und fordern weitere
Forschung. Und die wichtigste Studie für diese Frage, TRAIL, hat ihre
Zehnjahresdaten noch nicht.