Lauf & Luft

Ein Lauftagebuch. Langsam, draußen, meistens zufrieden.

Technik & Tempo30. September 2026 · 5 Min. · Aktualisiert

Zweiundzwanzig Prozent abgenommen: was die GLP-1-Studien über das Laufen verraten

Zwei Phase-3-Studien, ein direkter Vergleich, 751 Menschen, 72 Wochen. Ich habe die Zahlen gelesen und sie mit meinem eigenen Laufsommer abgeglichen — und dabei ist mir etwas aufgefallen, das in keiner Schlagzeile steht.

Läuferin auf einem Waldweg im frühen Morgenlicht, Rückenansicht

Abnehmen ist kein Trainingsprogramm. Das ist die ehrliche Lektion der Studien.

Kurz gesagtDie Studien messen Waage und Taille. Über Laufspeed, Wundheilung oder Gelenkbelastung steht dort kein einziges Wort.

Manchmal kommt der Anlass von einem Forum. Bei mir war es eine Frage in einer Laufgruppe im Frühjahr: ob die neuen Abnehmmedikamente einem beim Laufen helfen oder nur beim Wiegen. Ich habe daraufhin die zwei Studien gelesen, die 2023 und 2025 in den New England Journal of Medicine erschienen sind, und die Zusammenfassungen der Endpunkte nebeneinander gelegt. Beide Studien sind gut gemacht. Beide beantworten die Frage aus der Gruppe nicht.

Der direkte Vergleich, der 2025 kam

Die zweite Studie ist die interessantere, weil sie zwei Medikamente gegeneinander testet statt gegen ein Placebo. 751 Erwachsene mit Adipositas, ohne Typ-2-Diabetes, wurden auf zwei Gruppen randomisiert: eine bekam Tirzepatid, die andere Semaglutid, jeweils auf dem jeweils höchsten verträglichen Niveau. 72 Wochen lang, offen, ohne Verblindung.

Nach 72 Wochen hatte die Tirzepatid-Gruppe im Mittel gut zwanzig Prozent des Körpergewichts verloren, die Semaglutid-Gruppe knapp vierzehn. Der Unterschied war statistisch klar. Bei der Taille - die zweite Zahl, die man im Alltag spürt - waren es gut achtzehn Zentimeter gegen dreizehn. Beide Unterschiede lagen deutlich unter der statistischen Signifikanzgrenze.

Das ist ein sauberes Ergebnis und ein relevantes. Sauber, weil die Studie head-to-head gebaut ist: gleiche Einwilligung, gleiche Betreuung, gleiche Messung. Relevant, weil sie eine Frage beantwortet, die Placebo-Studien nicht beantworten können - nämlich, ob ein Medikament dem anderen wirklich überlegen ist, wenn beide gleich gut dosiert und gleich lange gegeben werden. Die deutsche Zusammenfassung dieses Vergleichs steht als Vergleich von Tirzepatid und Semaglutid, ich habe sie für diese Strecke gegengelesen.

Und hier kommt der Teil, über den selten geschrieben wird. Die Studie war offen, also ohne Verblindung: die Teilnehmenden wussten, welches Medikament sie bekamen. Bei einem Medikament, das man einnehmen muss, bei dem man spürt, dass es wirkt, und das man sich wöchentlich selbst spritzt, ist eine offene Verblindung kein Detail, sondern die größte Schwäche des ganzen Designs. Wer weiß, dass er das stärkere Präparat bekommt, berichtet anders über Nebenwirkungen, hält andere Essgewohnheiten ein, hört anders auf zu rauchen. Der Unterschied zwischen zwanzig und knapp vierzehn Prozent ist groß genug, um trotz dieser Schwäche zu bestehen. Aber er wäre in einem verblindeten Design mit Sicherheit kleiner ausgefallen, und das gehört in jede ehrliche Zusammenfassung.

Die Phase-2-Studie von 2023

Die andere Studie, zwei Jahre älter, testete Retatrutid, einen Wirkstoff, der gleich drei Rezeptoren ansteuert - die Stoffwechsel- und die Gastransportrezeptoren, zusätzlich zu den beiden, die auch Semaglutid kennt. 338 Erwachsene, 48 Wochen, Placebo-kontrolliert. Das Ergebnis war eine klare Treppe: von gut sieben Prozent bei der niedrigsten Stufe über gut dreizehn bei der mittleren bis zu gut zweiundzwanzig Prozent nach 48 Wochen bei der höchsten. Placebo knapp zwei. Bei den höheren Stufen erreichte der große Teil der Teilnehmenden mindestens fünfzehn Prozent.

Bemerkenswert war für mich die Nebenwirkungsseite, weil sie die Praxis beschreibt, die jeder kennt, der so etwas angefangen hat: am häufigsten waren Magen-Darm-Beschwerden, sie nahmen mit der Stufe zu, sie waren meist mild bis mittel, und sie ließen sich dadurch abmildern, dass man mit einer niedrigeren Anfangstufe einstieg und später hochging. Der Anstieg der Herzfrequenz war ebenfalls stufenabhängig, erreichte um Woche 24 sein Maximum und ging danach zurück. Wer diese Medikamente nimmt, lernt also eine bestimmte Routine: langsam hochgehen, Beschwerden ernst nehmen, und Geduld haben. Die deutschen Phase-2-Daten im Detail stehen in der Form, in der ich sie hier benutzt habe.

Und jetzt die eigentliche Frage aus der Laufgruppe

Zweiundzwanzig Prozent Körpergewicht sind eine beeindruckende Zahl. Aber was macht das mit dem Laufen? In keiner der beiden Studien wurde gemessen, wie schnell jemand eine Fünf-Kilometer-Strecke läuft, wie eine alte Knieschmerzen- Reaktion auf mehr Gewicht pro Schritt reagiert, wie schnell eine Achillessehhe nach einer Laufsaison reagiert, oder wie lange ein Mensch braucht, bis er von vierzig auf dreißig Kilo nimmt und wieder laufen kann. Die Endpunkte waren Gewicht, Taille, Blutzucker und Nebenwirkungen. Sonst nichts.

Und das ist kein Zufall, sondern ein Design. Eine Arzneimittelstudie misst das, was ein Arzneimittelstudienprotokoll als Endpunkt vorsieht, und für eine Firmenstudie bei hunderten Millionen Euro Kosten ist Laufspeed kein zulässiger Endpunkt. Man kann nicht behaupten, abnehmen schade oder nütze dem Laufen. Man kann nur sagen, dass die Frage unbeantwortet ist.

Für mich heißt das konkret: Ich würde nach einer großen Gewichtsabnahme langsamer anfangen als ich denke, weil das Gewebe Zeit braucht und ich die alten Landebefestigungen meiner Gelenke nicht kenne. Ich würde Trainingspausen einplanen statt sie zu erzwingen. Und ich würde mich wundern, wenn jemand, der abnimmt, zum ersten Mal seit Jahren ein neues Paar Laufschuhe braucht, weil ein neuer Mensch auf altem Schuh wohnt.

Was die Daten nicht zeigen

Sie zeigen nicht, ob diese Medikamente die Leistung verbessern oder verschlechtern. Sie zeigen nicht, wie viele Menschen nach dem Abnehmen wieder zunehmen, denn der Beobachtungszeitraum endet mit der Studie. Sie zeigen keine Langzeitdaten zu Gelenken, Sehnen und Herz-Kreislauf-System über Jahre. Und sie zeigen nichts über die Menschen, die ich in meiner Laufgruppe kenne, weil die Einschlusskriterien sie größtenteils ausschließen: die Studien rekrutierten Erwachsene mit Adipositas, nicht Läuferinnen und Läufer mit Normalgewicht, die einfach abnehmen wollen. Wer die Zahl zwanzig Prozent hört und sich eine Besserung auf der Fünf-Kilometer-Strecke verspricht, hat eine Fußnote überlesen.

Beide verlinkten Artikel sind Zusammenfassungen publizierter Arbeiten. Sie geben den Stand der Forschung wieder, keine Empfehlung für einzelne Menschen.

Meine Regel daraus

Ein Laufsommer ist keine Diätphase. Wenn jemand ein Medikament verschreibt bekommt, ist das eine ärztliche Entscheidung mit eigener Routine, eigener Titelgebung und eigenen Begleituntersuchungen - nichts, was man mit einem Laufsportplan ersetzt. Und wenn der Sommer nach einem verlorenen Kampf ausfällt, war der Sommer trotzdem ein Sommer. Zwanzig Prozent auf der Waage sind ein großes Wort für zwei Gruppen in einer Studie, die über zweiundsechzig Wochen ein Medikament in den Arm bekommen haben.

Wer sich hier für die Forschung an Retatrutid interessiert: der Katalogeintrag für Retatrutid bei younglab.eu. Das ist ein Katalogeintrag für die Forschung, kein Nahrungsergänzungsmittel und keine Empfehlung, und keine der hier zitierten Studien hat dieses Produkt gemessen.

Woher die Zahlen kommen

  1. Aronne LJ, et al. — Tirzepatide as Compared with Semaglutide for the Treatment of Obesity (N Engl J Med, 2025, PMID 40353578)
  2. Jastreboff AM, et al. — Triple-Hormone-Receptor Agonist Retatrutide for Obesity, A Phase 2 Trial (N Engl J Med, 2023, PMID 37366315)

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