Manchmal kommt der Anlass von einem Forum. Bei mir war es eine Frage in einer
Laufgruppe im Frühjahr: ob die neuen Abnehmmedikamente einem beim Laufen helfen
oder nur beim Wiegen. Ich habe daraufhin die zwei Studien gelesen, die 2023 und
2025 in den New England Journal of Medicine erschienen sind, und die
Zusammenfassungen der Endpunkte nebeneinander gelegt. Beide Studien sind gut
gemacht. Beide beantworten die Frage aus der Gruppe nicht.
Der direkte Vergleich, der 2025 kam
Die zweite Studie ist die interessantere, weil sie zwei Medikamente
gegeneinander testet statt gegen ein Placebo. 751 Erwachsene mit Adipositas,
ohne Typ-2-Diabetes, wurden auf zwei Gruppen randomisiert: eine bekam
Tirzepatid, die andere Semaglutid, jeweils auf dem jeweils höchsten
verträglichen Niveau. 72 Wochen lang, offen, ohne Verblindung.
Nach 72 Wochen hatte die Tirzepatid-Gruppe im Mittel gut zwanzig Prozent des
Körpergewichts verloren, die Semaglutid-Gruppe knapp vierzehn. Der Unterschied
war statistisch klar. Bei der Taille - die zweite Zahl, die man im Alltag
spürt - waren es gut achtzehn Zentimeter gegen dreizehn. Beide Unterschiede
lagen deutlich unter der statistischen Signifikanzgrenze.
Das ist ein sauberes Ergebnis und ein relevantes. Sauber, weil die Studie
head-to-head gebaut ist: gleiche Einwilligung, gleiche Betreuung, gleiche
Messung. Relevant, weil sie eine Frage beantwortet, die Placebo-Studien nicht
beantworten können - nämlich, ob ein Medikament dem anderen wirklich
überlegen ist, wenn beide gleich gut dosiert und gleich lange gegeben werden.
Die deutsche Zusammenfassung dieses Vergleichs steht als
Vergleich von Tirzepatid und Semaglutid,
ich habe sie für diese Strecke gegengelesen.
Und hier kommt der Teil, über den selten geschrieben wird. Die Studie war
offen, also ohne Verblindung: die Teilnehmenden wussten, welches Medikament
sie bekamen. Bei einem Medikament, das man einnehmen muss, bei dem man spürt,
dass es wirkt, und das man sich wöchentlich selbst spritzt, ist eine offene
Verblindung kein Detail, sondern die größte Schwäche des ganzen Designs. Wer
weiß, dass er das stärkere Präparat bekommt, berichtet anders über
Nebenwirkungen, hält andere Essgewohnheiten ein, hört anders auf zu rauchen.
Der Unterschied zwischen zwanzig und knapp vierzehn Prozent ist groß genug, um
trotz dieser Schwäche zu bestehen. Aber er wäre in einem verblindeten Design
mit Sicherheit kleiner ausgefallen, und das gehört in jede ehrliche
Zusammenfassung.
Die Phase-2-Studie von 2023
Die andere Studie, zwei Jahre älter, testete Retatrutid, einen Wirkstoff, der
gleich drei Rezeptoren ansteuert - die Stoffwechsel- und die
Gastransportrezeptoren, zusätzlich zu den beiden, die auch Semaglutid kennt.
338 Erwachsene, 48 Wochen, Placebo-kontrolliert. Das Ergebnis war eine klare
Treppe: von gut sieben Prozent bei der niedrigsten Stufe über gut dreizehn bei
der mittleren bis zu gut zweiundzwanzig Prozent nach 48 Wochen bei der höchsten.
Placebo knapp zwei. Bei den höheren Stufen erreichte der große Teil der
Teilnehmenden mindestens fünfzehn Prozent.
Bemerkenswert war für mich die Nebenwirkungsseite, weil sie die Praxis
beschreibt, die jeder kennt, der so etwas angefangen hat: am häufigsten waren
Magen-Darm-Beschwerden, sie nahmen mit der Stufe zu, sie waren meist mild bis
mittel, und sie ließen sich dadurch abmildern, dass man mit einer niedrigeren
Anfangstufe einstieg und später hochging. Der Anstieg der Herzfrequenz war
ebenfalls stufenabhängig, erreichte um Woche 24 sein Maximum und ging danach
zurück. Wer diese Medikamente nimmt, lernt also eine bestimmte Routine: langsam
hochgehen, Beschwerden ernst nehmen, und Geduld haben. Die
deutschen Phase-2-Daten im Detail
stehen in der Form, in der ich sie hier benutzt habe.
Und jetzt die eigentliche Frage aus der Laufgruppe
Zweiundzwanzig Prozent Körpergewicht sind eine beeindruckende Zahl. Aber was
macht das mit dem Laufen? In keiner der beiden Studien wurde gemessen, wie
schnell jemand eine Fünf-Kilometer-Strecke läuft, wie eine alte Knieschmerzen-
Reaktion auf mehr Gewicht pro Schritt reagiert, wie schnell eine
Achillessehhe nach einer Laufsaison reagiert, oder wie lange ein Mensch braucht,
bis er von vierzig auf dreißig Kilo nimmt und wieder laufen kann. Die Endpunkte
waren Gewicht, Taille, Blutzucker und Nebenwirkungen. Sonst nichts.
Und das ist kein Zufall, sondern ein Design. Eine Arzneimittelstudie misst das,
was ein Arzneimittelstudienprotokoll als Endpunkt vorsieht, und für eine
Firmenstudie bei hunderten Millionen Euro Kosten ist Laufspeed kein
zulässiger Endpunkt. Man kann nicht behaupten, abnehmen schade oder nütze dem
Laufen. Man kann nur sagen, dass die Frage unbeantwortet ist.
Für mich heißt das konkret: Ich würde nach einer großen Gewichtsabnahme
langsamer anfangen als ich denke, weil das Gewebe Zeit braucht und ich die
alten Landebefestigungen meiner Gelenke nicht kenne. Ich würde Trainingspausen
einplanen statt sie zu erzwingen. Und ich würde mich wundern, wenn jemand,
der abnimmt, zum ersten Mal seit Jahren ein neues Paar Laufschuhe braucht, weil
ein neuer Mensch auf altem Schuh wohnt.
Was die Daten nicht zeigen
Sie zeigen nicht, ob diese Medikamente die Leistung verbessern oder
verschlechtern. Sie zeigen nicht, wie viele Menschen nach dem Abnehmen wieder
zunehmen, denn der Beobachtungszeitraum endet mit der Studie. Sie zeigen keine
Langzeitdaten zu Gelenken, Sehnen und Herz-Kreislauf-System über Jahre. Und
sie zeigen nichts über die Menschen, die ich in meiner Laufgruppe kenne, weil
die Einschlusskriterien sie größtenteils ausschließen: die Studien rekrutierten
Erwachsene mit Adipositas, nicht Läuferinnen und Läufer mit Normalgewicht,
die einfach abnehmen wollen. Wer die Zahl zwanzig Prozent hört und sich eine
Besserung auf der Fünf-Kilometer-Strecke verspricht, hat eine Fußnote
überlesen.
Beide verlinkten Artikel sind Zusammenfassungen publizierter Arbeiten. Sie
geben den Stand der Forschung wieder, keine Empfehlung für einzelne Menschen.
Meine Regel daraus
Ein Laufsommer ist keine Diätphase. Wenn jemand ein Medikament verschreibt
bekommt, ist das eine ärztliche Entscheidung mit eigener Routine, eigener
Titelgebung und eigenen Begleituntersuchungen - nichts, was man mit einem
Laufsportplan ersetzt. Und wenn der Sommer nach einem verlorenen Kampf
ausfällt, war der Sommer trotzdem ein Sommer. Zwanzig Prozent auf der Waage
sind ein großes Wort für zwei Gruppen in einer Studie, die über zweiundsechzig
Wochen ein Medikament in den Arm bekommen haben.
Wer sich hier für die Forschung an Retatrutid interessiert: der Katalogeintrag für Retatrutid bei younglab.eu. Das ist ein Katalogeintrag für die Forschung, kein Nahrungsergänzungsmittel und keine Empfehlung, und keine der hier zitierten Studien hat dieses Produkt gemessen.