Seitenstechen war in meinem ersten Laufjahr so zuverlässig wie der
Wetterbericht falsch. Kilometer zwei, rechte Seite, dieser fiese kleine
Haken unter den Rippen. Inzwischen habe ich meinen Frieden mit ihm —
hauptsächlich, weil ich verstanden habe, wann er kommt.
Wann er bei mir kommt
Mit den Jahren habe ich Buch geführt (nicht wörtlich — aber man merkt sich
die Muster). Bei mir kommt der Stich fast immer, wenn mindestens eins von
drei Dingen zutrifft:
- Zu schnell losgelaufen. Der Klassiker. Erste zwei Kilometer im
Übermut, und die Rechnung kommt prompt.
- Zu kurz nach dem Essen. Mit vollem Magen loszulaufen war bei mir
die zweitsicherste Methode. Seit ich mir nach größeren Mahlzeiten ein
paar Stunden Abstand gönne, ist Ruhe.
- Hektisch geatmet. An gestressten Tagen laufe ich flach und schnell
atmend los — und genau dann meldet sich die Seite.
Was hilft, wenn er da ist
Kein Geheimnis, aber es funktioniert bei mir in dieser Reihenfolge:
Tempo raus — deutlich, nicht kosmetisch. Dann lang ausatmen,
betont und ruhig, ein paar Dutzend Schritte lang; manchmal drücke ich
dazu die Hand flach auf die Stelle. Meistens ist der Stich nach ein, zwei
Minuten Gehen oder Trabtempo weg, und der Lauf geht weiter, als wäre
nichts gewesen.
Was bei mir nichts gebracht hat: verbissen weiterlaufen und hoffen. Der
Stich verhandelt nicht. Er wartet, bis man langsamer wird, und genau das
kann man auch gleich freiwillig tun.
Die eigentliche Lektion
Irgendwann fiel mir auf: Seitenstechen ist bei mir fast nie ein
Körperproblem, sondern ein Übermutsproblem. Es ist die unhöflichste, aber
ehrlichste Tempoanzeige, die ich besitze. Seit ich ruhiger anlaufe —
erste zehn Minuten bewusst gemütlich — ist der Stich von „jede zweite
Runde” auf „ein paar Mal im Jahr” geschrumpft.
(Das übliche Kleingedruckte eines Laufblogs: Ich erzähle von meinem
Bauch, nicht von deinem. Schmerzen, die bleiben, anders sind oder dich
beunruhigen — damit bitte zu Menschen mit Ausbildung.)