Lauf & Luft

Ein Lauftagebuch. Langsam, draußen, meistens zufrieden.

Erholung21. Oktober 2026 · 4 Min.

Elamipretide: das Peptid, das die Mitochondrien reparieren sollte – und was Phase 3 daraus machte

Eine 30-Personen-Crossover-Studie sah 19,8 Meter mehr Gehstrecke und deutlich geringere Müdigkeit; der primäre Endpunkt war nicht signifikant. Zwei Jahre später fiel die 218-Personen-Phase-3-Studie um 3,2 Meter zugunsten der Placebogruppe aus. Class-I-Evidenz, dass es nicht wirkt – und trotzdem steht der Wirkstoff weiter im Katalog.

Fluoreszenzmikroskopie von Zellkulturen: große runde Kerne leuchten blau, das Zytoskelett grün, dazwischen rote Bereiche

Zellen im Fluoreszenzmikroskop. Elamipretide wird nicht an Zellen, sondern an ein Lipid in der inneren Mitochondrienmembran angedockt.Foto: National Cancer Institute / Unsplash

Kurz gesagtElamipretide ist das beste Beispiel dafür, wie eine Geschichte mit belastbarem Mechanismus trotzdem an einer randomisierten Studie scheitert: der Wirkstoff bindet nachweislich an Cardiolipin, die 218-Personen-Studie fand 3,2 Meter weniger Gehstrecke als Placebo.

Es gibt kein Peptid mit einem besseren Wirkmechanismus als Elamipretide. Das sagt nicht die Werbung, das sagt ein Tetrapeptid aus vier Aminosäuren, das gezielt an ein bestimmtes Lipid in der inneren Membran der Mitochondrien bindet, die Struktur der Membran stabilisiert, oxidativen Stress senkt und die ATP-Produktion unterstützt – beschrieben in einer Übersichtsarbeit von 2025, die, ausdrücklich ohne Interessenkonflikte, genau das auflistet. Und es gibt kein Peptid, bei dem die randomisierte Studie so klar ausgefallen ist wie bei Elamipretide. Beides gleichzeitig ist die eigentliche Geschichte, und sie ist unbequemer als jede Erfolgsmeldung.

Das Molekül macht, was es verspricht

Der Wirkmechanismus ist ungewöhnlich sauber beschrieben. Elamipretide – auch SS-31, MTP-131 oder Bendavia genannt – ist ein Tetrapeptid, das nicht an Rezeptoren der Zellmembran andockt, sondern an Cardiolipin, ein Lipid, das fast ausschließlich in der inneren Mitochondrienmembran vorkommt. Es bindet dort selektiv, stabilisiert die Cristae, die Faltungen der Innenmembran, über die die ATP-Synthese läuft, und reduziert oxidativen Stress. In Tiermodellen für Herzinsuffizienz, Neurodegeneration, Ischämie-Reperfusion, metabolisches Syndrom und Muskelschwund wurde die Substanz protektiv und regenerativ gefunden. Die Übersichtsarbeit von 2025 zählt die Studien auf, die das am Menschen prüfen sollten: PROGRESS-HF, TAZPOWER, MMPOWER-3, ReCLAIM.

An dieser Stelle wäre die ehrliche Frage, welche davon es gab, was gemessen wurde und was herauskam.

Die kleine Studie, die alles ausgelöst hat

MMPOWER-2, veröffentlicht 2020 im Journal of Cachexia, Sarcopenia and Muscle, war der Versuch, das Signal zu prüfen, bevor man zweihundert Menschen ein Placebo gibt. Dreißig Personen mit genetisch bestätigter primärer mitochondrialer Myopathie, randomisiert, doppelblind, placebokontrolliert, als Übergangsstudie: vier Wochen Elamipretide, vier Wochen Placebo, dazwischen vier Wochen Auswaschung. Primärer Endpunkt war die Strecke im Sechs-Minuten-Gehtest.

Das Ergebnis: 398,3 Meter mit dem Wirkstoff gegen 378,5 Meter mit Placebo. Ein Unterschied von 19,8 Metern, Konfidenzintervall von minus 2,8 bis 42,5, p = 0,0833. Nicht signifikant. Die Autoren schreiben trotzdem, die Teilnehmer hätten eine klinisch bedeutsame Veränderung erlebt, die als primärer Endpunkt keine statistische Signifikanz erreichte. Das ist eine Formulierung, die man lesen und dann noch einmal lesen sollte.

Die patientenberichteten Endpunkte sahen anders aus. Weniger Müdigkeit insgesamt: p = 0,0006. Weniger Müdigkeit bei Aktivität: p = 0,0018. Der Neuro-QoL-Fragebogen: p = 0,0115. Die globale Einschätzung der Patienten: p = 0,0421. Und dann die andere Hälfte desselben Absatzes: Beim ärztlichen globalen Urteil keine signifikante Veränderung, p = 0,0636. Beim dreifachen Timed-Up-and-Go-Test p = 0,8423. Bei der Beschleunigungsmessung am Handgelenk p = 0,9345, an der Hüfte p = 0,7326. Objektiv gemessen hat sich in dieser Studie fast nichts bewegt. An den Einstichstellen traten bei achtzig Prozent der Behandelten Reaktionen auf, meist mild, schwere unerwünschte Ereignisse und Todesfälle gab es keine.

Der Schritt, den die Studie mit ihrem Ergebnis machte, ist in ihrem Abstract nachzulesen: Sie lieferte ein Wirksamkeitssignal und die Daten, um MMPOWER-3 zu starten. Das ist die normale Logik der Pharmaindustrie. Was hier passiert, ist selten und deshalb lehrreich.

Der Test, für den sie gestartet wurde

MMPOWER-3, publiziert 2023 in Neurology, war die entscheidende Studie: randomisiert im Verhältnis eins zu eins, doppelblind, placebokontrolliert, vierundzwanzig Wochen subkutan bei genetisch bestätigter Erkrankung. Zweihundertachtzehn Personen, 109 pro Arm. Durchschnittsalter 45,6 Jahre, 64 Prozent Frauen, 94 Prozent weiß, bei 74 Prozent eine Veränderung der mitochondrialen DNA, bei den übrigen ein Defekt der Kern-DNA. Zur Ausgangslage: 336,7 Meter im Sechs-Minuten-Test, ein Wert, der zeigt wie niedrig das Ausgangsniveau dieser Gruppe war.

Ergebnis: Die Studie erreichte ihre primären Endpunkte nicht. Der Unterschied in der Gehstrecke zwischen Wirkstoff und Placebo betrug minus 3,2 Meter, Konfidenzintervall von minus 18,7 bis 12,3, p = 0,69. Auf der Fatigue-Skala der Symptomschätzung betrug der Unterschied minus 0,07, p = 0,37. Verträglich war die Substanz, die meisten unerwünschten Ereignisse waren leicht bis mittelschwer.

Die Klassifizierung, die die Autoren der Studie selbst angeben, ist die klarste Zusammenfassung, die ich zu diesem Wirkstoff kenne: Sie liefert Klasse-I-Evidenz dafür, dass Elamipretide die Gehstrecke und die Müdigkeit nach vierundzwanzig Wochen im Vergleich zu Placebo nicht verbessert. Die Studie war gut gemacht, die Population war gut gewählt, der Endpunkt war vorab definiert. Genau deshalb ist das Ergebnis aussagekräftig.

Und trotzdem steht er im Katalog

Hier wird es, für mich als Leser, interessant. Die Übersichtsarbeit von 2025 – also zwei Jahre nach dem negativen Ergebnis – fasst die klinischen Studien zusammen und schließt mit dem Satz, sie zeigten „das signifikante therapeutische Potenzial von Elamipretide bei der Stabilisierung der mitochondrialen Fitness”. Sie nennt MMPOWER-3 selbst. Das ist keine Fälschung; die Arbeit ist korrekt zitiert, sauber referiert und trotzdem schreibt sie ein Wort in die Überschrift, das die 218 Menschen widersprechen.

Was bleibt, ist kein Wundermittel, sondern eine saubere Ausgangslage: Ein Wirkstoff mit einem plausiblen, molekular gut belegten Ziel, der in der Maus wirkt, bei dreißig Menschen ein Signal zeigt, das den primären Endpunkt verfehlt, und bei zweihundertachtzehn Menschen an beiden primären Endpunkten scheitert. Die Geschichte ist unbequem, aber sie ist vollständig. Genau deshalb ist sie die bessere.

Wer sich das Molekül selbst ansehen will, statt nur die Zusammenfassung: eine Referenzseite zu genau diesem Wirkstoff, geschrieben über die Versuche einschließlich des Scheiterns, steht hier. Und das, was man als Rohstoff kaufen kann, ist unter demselben Namen bei younglab gelistet – SS-31, ein Peptid für die Forschung, nicht mehr und nicht weniger.

Woher die Zahlen kommen

  1. Karaa, Haas, Goldstein, Vockley und Cohen: Eine randomisierte Crossover-Studie mit Elamipretide bei Erwachsenen mit primärer mitochondrialer Myopathie. J Cachexia Sarcopenia Muscle 2020;11(4):909-918. (PMID 32096613, dreißig Personen mit genetisch bestätigter Erkrankung, randomisiert, doppelblind, placebokontrolliert, Übergangsdesign: vier Wochen Elamipretide, vier Wochen Placebo, vier Wochen Auswaschung, subkutan)
  2. Karaa, Bertini, Carelli, Cohen, Enns, Falk, Goldstein, Gorman, Haas, Hirano, Klopstock und die MMPOWER-3-Studiengruppe: Wirksamkeit und Sicherheit von Elamipretide bei primärer mitochondrialer Myopathie, die randomisierte klinische Studie MMPOWER-3. Neurology 2023;101(3):e238-e252. (PMID 37268435, 218 randomisierte Personen, 109 in jedem Arm, vierundzwanzig Wochen subkutan, NCT03323749, Klass-I-Evidenz)
  3. Tung, Varzideh, Farroni, Mone, Kansakar, Jankauskas und Santulli: Elamipretide, ein Überblick über Struktur, Wirkmechanismus und therapeutisches Potenzial. Int J Mol Sci 2025;26(3):944. (PMID 39940712, Übersichtsarbeit, 2025, nach dem negativen Phase-3-Ergebnis; die Autoren erklären, keine Interessenkonflikte zu haben)

Weiterlesen

Erholung20. Okt. 2026

Ibutamoren: was der orale Wachstumshormon-Sekretagog auslöst – und was nicht

In einer randomisierten Studie an 32 älteren Erwachsenen stieg die mittlere Wachstumshormonkonzentration über 24 Stunden um 97 Prozent, der IGF-I-Spiegel in den Bereich junger Erwachsener – und der Nüchternblutzucker von 5,4 auf 6,8 mmol/l. Bei 563 Alzheimer-Patienten über zwölf Monate: kein Unterschied auf einem einzigen klinischen Maß.

Erholung17. Okt. 2026

Schlafdauer und Sehnenheilung: was 973 Patienten nach einer Sehnenreparatur zeigen

In einer prospektiven Kohorte mit 973 Patienten litten 88,4 Prozent vor einer arthroskopischen Sehnenreparatur an Schlafstörungen, nach zwölf Monaten noch 22 Prozent. Dazu eine systematische Übersichtsarbeit mit 25 Studien: Schlafverlängerung und Nickerchen wirkten, Schlafhygiene und Eisbad nicht. Und warum das keine Aussage über gesunde Läufer ist.

Ernährung02. Nov. 2026

Glutamin und Antioxidantien bei Ausdauer: was die Studien wirklich messen

Die Glutamin-Metaanalyse von 2019 schloss 47 Studien ein, davon 25 in der Metaanalyse, und fand einen kleinen Gewichtseffekt von minus 1,36 Kilogramm — keinen Effekt auf die Leistung. Die Antioxidantien-Literatur geht den anderen Weg: Vitamine C und E dämpfen nach einer Übersichtsarbeit von 2016 Anpassungen des Ausdauertrainings, während sie die Leistung kaum bewegen.

Gesundheit31. Okt. 2026

Kombiniertes Training und Blutdruck: was die Meta-Analyse findet

20 Studien, 1.192 Teilnehmende mit Diabetes Typ 2 und Übergewicht: kombinierte Ausdauer- und Kraftsenkungen verbesserten systolischen und diastolischen Blutdruck, HbA1c und mehrere Entzündungsmarker. Die Autoren der Meta-Analyse stufen die Evidenz selbst als unsicher ein — und die Frequenz im Ruhemodus blieb unverändert.

Draußen29. Okt. 2026

Kälte und Leistung: zwölf Studien, 35 Kühlversuche, null klare Antwort

Zwölf Papers zu Temperatur und Höhenlage im Spielbetrieb, Qualität 6 bis 9 von 9, fast nur Männer: der Kälteschaden ist zwischen den Studien so verschieden, dass der Effekt von minus 0,96 bis minus 0,14 schwankt. Und eine zweite Review mit 35 Kühlversuchen findet bei rund drei von vier Studien einen Kraftverlust direkt nach dem Kühlen.

Kraft28. Okt. 2026

Krafttraining für Läufer: zwei randomisierte Studien, 60 Läufer, 10 und 12 Wochen

30 moderat trainierte Distanzläufer, 10 Wochen konkurrierendes Kraft- und Ausdauertraining: 2-km-Zeit minus 11,3 Sekunden, Ausdauerzeit bis zum Abbruch plus 59,1 Sekunden, Körperfett minus 1,05 Kilogramm, bei unveränderter Gesamt- und fettfreier Masse. Die zweite Studie mit 30 Männern über 12 Wochen trennt Kraft, Ausdauer und kombiniertes Training.

Wettkampf27. Okt. 2026

Carbo-Loading und Taper: was die Meta-Analysen wirklich messen

Eine Meta-Analyse von 61 Leistungsstudien mit 679 Personen: 82 Prozent zeigen einen signifikanten Vorteil durch Kohlenhydrate, aber der Effekt wächst signifikant mit der Belastungsdauer (p=0,0036). Und die Taper-Meta-Analyse sagt etwas Unbequemes — die Trainingsintensität abzusenken bringt nichts, das Volumen um 41 bis 60 Prozent schon.

Gelenke25. Okt. 2026

Laufen und Knie-Osteoarthritis: was 17 Studien mit Bildgebung messen

7194 Läuferinnen und Läufer gegen 6947 Nichtläufer: kein Unterschied in Röntgen- oder MRT-Befunden, dafür signifikant MEHR Knieschmerz bei den Nichtläufern. Und bei zehn Läuferinnen mit bestehender Arthrose steigen die T2-Werte im Knorpel nach 30 Minuten Lauf – bei den Gesunden nicht.

Ausdauer23. Okt. 2026

Ausdauer ohne Training: was AICAR und SLU-PP-332 wirklich gemessen haben

Zwei Substanzen werden als Trainingsimitation verkauft, weil sie in Mäusen ein Ausdauerprogramm in Genen auslösen, das dem Aeroben Training ähnelt. In Menschen hat keine der beiden eine kontrollierte Studie, die Ausdauer misst. Beide stehen seit 2009 auf der Sperrliste, und 2026 erscheint die Analytik, um sie im Urinal nachzuweisen.

Wehwehchen23. Aug. 2026

Ruhetage sind Training

Der Satz klingt nach Kalenderspruch. Bei mir war er der Unterschied zwischen dauernd verletzt und drei Jahren durchlaufen.

Einsteigen02. Juni 2026

Couch to 5K, ehrlich erzählt

Was die Pläne versprechen, was bei mir wirklich passiert ist — inklusive der Woche, die ich dreimal wiederholt habe, und warum das völlig in Ordnung war.