Es gibt kein Peptid mit einem besseren Wirkmechanismus als Elamipretide. Das sagt nicht die Werbung, das sagt ein Tetrapeptid aus vier Aminosäuren, das gezielt an ein bestimmtes Lipid in der inneren Membran der Mitochondrien bindet, die Struktur der Membran stabilisiert, oxidativen Stress senkt und die ATP-Produktion unterstützt – beschrieben in einer Übersichtsarbeit von 2025, die, ausdrücklich ohne Interessenkonflikte, genau das auflistet. Und es gibt kein Peptid, bei dem die randomisierte Studie so klar ausgefallen ist wie bei Elamipretide. Beides gleichzeitig ist die eigentliche Geschichte, und sie ist unbequemer als jede Erfolgsmeldung.
Das Molekül macht, was es verspricht
Der Wirkmechanismus ist ungewöhnlich sauber beschrieben. Elamipretide – auch SS-31, MTP-131 oder Bendavia genannt – ist ein Tetrapeptid, das nicht an Rezeptoren der Zellmembran andockt, sondern an Cardiolipin, ein Lipid, das fast ausschließlich in der inneren Mitochondrienmembran vorkommt. Es bindet dort selektiv, stabilisiert die Cristae, die Faltungen der Innenmembran, über die die ATP-Synthese läuft, und reduziert oxidativen Stress. In Tiermodellen für Herzinsuffizienz, Neurodegeneration, Ischämie-Reperfusion, metabolisches Syndrom und Muskelschwund wurde die Substanz protektiv und regenerativ gefunden. Die Übersichtsarbeit von 2025 zählt die Studien auf, die das am Menschen prüfen sollten: PROGRESS-HF, TAZPOWER, MMPOWER-3, ReCLAIM.
An dieser Stelle wäre die ehrliche Frage, welche davon es gab, was gemessen wurde und was herauskam.
Die kleine Studie, die alles ausgelöst hat
MMPOWER-2, veröffentlicht 2020 im Journal of Cachexia, Sarcopenia and Muscle, war der Versuch, das Signal zu prüfen, bevor man zweihundert Menschen ein Placebo gibt. Dreißig Personen mit genetisch bestätigter primärer mitochondrialer Myopathie, randomisiert, doppelblind, placebokontrolliert, als Übergangsstudie: vier Wochen Elamipretide, vier Wochen Placebo, dazwischen vier Wochen Auswaschung. Primärer Endpunkt war die Strecke im Sechs-Minuten-Gehtest.
Das Ergebnis: 398,3 Meter mit dem Wirkstoff gegen 378,5 Meter mit Placebo. Ein Unterschied von 19,8 Metern, Konfidenzintervall von minus 2,8 bis 42,5, p = 0,0833. Nicht signifikant. Die Autoren schreiben trotzdem, die Teilnehmer hätten eine klinisch bedeutsame Veränderung erlebt, die als primärer Endpunkt keine statistische Signifikanz erreichte. Das ist eine Formulierung, die man lesen und dann noch einmal lesen sollte.
Die patientenberichteten Endpunkte sahen anders aus. Weniger Müdigkeit insgesamt: p = 0,0006. Weniger Müdigkeit bei Aktivität: p = 0,0018. Der Neuro-QoL-Fragebogen: p = 0,0115. Die globale Einschätzung der Patienten: p = 0,0421. Und dann die andere Hälfte desselben Absatzes: Beim ärztlichen globalen Urteil keine signifikante Veränderung, p = 0,0636. Beim dreifachen Timed-Up-and-Go-Test p = 0,8423. Bei der Beschleunigungsmessung am Handgelenk p = 0,9345, an der Hüfte p = 0,7326. Objektiv gemessen hat sich in dieser Studie fast nichts bewegt. An den Einstichstellen traten bei achtzig Prozent der Behandelten Reaktionen auf, meist mild, schwere unerwünschte Ereignisse und Todesfälle gab es keine.
Der Schritt, den die Studie mit ihrem Ergebnis machte, ist in ihrem Abstract nachzulesen: Sie lieferte ein Wirksamkeitssignal und die Daten, um MMPOWER-3 zu starten. Das ist die normale Logik der Pharmaindustrie. Was hier passiert, ist selten und deshalb lehrreich.
Der Test, für den sie gestartet wurde
MMPOWER-3, publiziert 2023 in Neurology, war die entscheidende Studie: randomisiert im Verhältnis eins zu eins, doppelblind, placebokontrolliert, vierundzwanzig Wochen subkutan bei genetisch bestätigter Erkrankung. Zweihundertachtzehn Personen, 109 pro Arm. Durchschnittsalter 45,6 Jahre, 64 Prozent Frauen, 94 Prozent weiß, bei 74 Prozent eine Veränderung der mitochondrialen DNA, bei den übrigen ein Defekt der Kern-DNA. Zur Ausgangslage: 336,7 Meter im Sechs-Minuten-Test, ein Wert, der zeigt wie niedrig das Ausgangsniveau dieser Gruppe war.
Ergebnis: Die Studie erreichte ihre primären Endpunkte nicht. Der Unterschied in der Gehstrecke zwischen Wirkstoff und Placebo betrug minus 3,2 Meter, Konfidenzintervall von minus 18,7 bis 12,3, p = 0,69. Auf der Fatigue-Skala der Symptomschätzung betrug der Unterschied minus 0,07, p = 0,37. Verträglich war die Substanz, die meisten unerwünschten Ereignisse waren leicht bis mittelschwer.
Die Klassifizierung, die die Autoren der Studie selbst angeben, ist die klarste Zusammenfassung, die ich zu diesem Wirkstoff kenne: Sie liefert Klasse-I-Evidenz dafür, dass Elamipretide die Gehstrecke und die Müdigkeit nach vierundzwanzig Wochen im Vergleich zu Placebo nicht verbessert. Die Studie war gut gemacht, die Population war gut gewählt, der Endpunkt war vorab definiert. Genau deshalb ist das Ergebnis aussagekräftig.
Und trotzdem steht er im Katalog
Hier wird es, für mich als Leser, interessant. Die Übersichtsarbeit von 2025 – also zwei Jahre nach dem negativen Ergebnis – fasst die klinischen Studien zusammen und schließt mit dem Satz, sie zeigten „das signifikante therapeutische Potenzial von Elamipretide bei der Stabilisierung der mitochondrialen Fitness”. Sie nennt MMPOWER-3 selbst. Das ist keine Fälschung; die Arbeit ist korrekt zitiert, sauber referiert und trotzdem schreibt sie ein Wort in die Überschrift, das die 218 Menschen widersprechen.
Was bleibt, ist kein Wundermittel, sondern eine saubere Ausgangslage: Ein Wirkstoff mit einem plausiblen, molekular gut belegten Ziel, der in der Maus wirkt, bei dreißig Menschen ein Signal zeigt, das den primären Endpunkt verfehlt, und bei zweihundertachtzehn Menschen an beiden primären Endpunkten scheitert. Die Geschichte ist unbequem, aber sie ist vollständig. Genau deshalb ist sie die bessere.
Wer sich das Molekül selbst ansehen will, statt nur die Zusammenfassung: eine Referenzseite zu genau diesem Wirkstoff, geschrieben über die Versuche einschließlich des Scheiterns, steht hier. Und das, was man als Rohstoff kaufen kann, ist unter demselben Namen bei younglab gelistet – SS-31, ein Peptid für die Forschung, nicht mehr und nicht weniger.