Lauf & Luft

Ein Lauftagebuch. Langsam, draußen, meistens zufrieden.

Erholung20. Oktober 2026 · 4 Min.

Ibutamoren: was der orale Wachstumshormon-Sekretagog auslöst – und was nicht

In einer randomisierten Studie an 32 älteren Erwachsenen stieg die mittlere Wachstumshormonkonzentration über 24 Stunden um 97 Prozent, der IGF-I-Spiegel in den Bereich junger Erwachsener – und der Nüchternblutzucker von 5,4 auf 6,8 mmol/l. Bei 563 Alzheimer-Patienten über zwölf Monate: kein Unterschied auf einem einzigen klinischen Maß.

Sonnenaufgang über einer nebligen Wiese mit großen Bäumen und einem schmalen Feldweg im warmen Gegenlicht

Der Anabolika-Markt schlägt sich um die Zahl im Plasma. Um den Rest geht es hier.Foto: Simon Wilkes / Unsplash

Kurz gesagtIbutamoren verändert nachweislich die Hormonachse – IGF-I steigt in den Bereich junger Erwachsener. Ob daraus mehr Muskel, weniger Fett oder ein besseres Leben wird, haben randomisierte Studien bisher nicht gezeigt; die Alzheim-Studie mit 563 Patienten war ein Null-Ergebnis auf allen vier klinischen Endpunkten.

Es gibt eine Klasse von Mitteln, die als Geheimnis verkauft wird und deren Wirkmechanismus in einem wissenschaftlichen Sinn gar kein Geheimnis ist: orale Wachstumshormon-Sekretagogen. Sie ahmen das Wachstumshormon nach, das der Körper nachts ohnehin ausschüttet, indem sie die Hypophyse dazu bringen, mehr abzugeben. Ibutamoren, der Wirkstoff von MK-677, ist das am besten untersuchte Exemplar dieser Klasse – und die Datenlage, die daraus folgt, ist ungewöhnlich ehrlich. Ich habe drei randomisierte Studien gelesen. Zwei zeigen, dass die Achse reagiert. Eine zeigt, dass das nichts ändert.

Der Puls bleibt, er wird nur höher

Der Ausgangspunkt ist eine Überlegung aus der Gerontologie: Mit dem Alter sinkt die Aktivität der Wachstumshormon-Achse, und das geht einher mit ungünstigerer Körperzusammensetzung und mehr Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Studie, die daraus einen Versuch macht, ist 1996 an der University of Virginia erschienen. Zweiunddreißig gesunde Personen, davon 15 Frauen und 17 Männer, zwischen 64 und 81 Jahren, randomisiert, doppelblind und placebokontrolliert. Zwei Perioden von 14 und 28 Tagen, Blutentnahme alle 20 Minuten über volle 24 Stunden – wer diese Studie gelesen hat, weiß, dass sie teuer war, Zeit und Mühe.

Das Ergebnis ist technisch und beeindruckend zugleich. Mit fünfundzwanzig Milligramm täglich stieg die mittlere Wachstumshormonkonzentration über 24 Stunden um 97 Prozent, gemessen als Mittelwert mit Standardfehler. Wichtig ist der Zusatz: Der Anstieg kam nicht durch mehr Pulsschläge zustande. Die Pulsamplitude nahm zu, der Tiefpunkt zwischen den Pulsen stieg, die Anzahl der Pulse blieb unverändert. Das Medikament hat den Rhythmus nicht verändert, sondern die Höhe.

Der IGF-I-Spiegel, das zweite Glied der Kette, landete im Bereich junger Erwachsener: 141 ± 21 Mikrogramm pro Liter zu Beginn, 219 ± 21 nach zwei Wochen, 265 ± 29 nach vier Wochen. Auch das Kortisol blieb unverändert, und der Prolaktinspiegel stieg um 23 Prozent, ohne den Normalbereich zu verlassen.

Und dann steht im selben Absatz der Satz, der in jeder Zusammenfassung verschwindet und den ich hier nicht verschwinden lasse: Der Nüchternblutzucker stieg signifikant, von 5,4 ± 0,3 auf 6,8 ± 0,4 mmol/l. Das ist kein Detail am Rand, das ist der Preis der Achse, die man da oben anhebt. IGF-I geht in die Insulinsensitivität ein, und wenn der eine Wert steigt, ist der andere selten neutral.

Der Knochenumsatz: Resorption und Bildung zugleich

1999 kam der zweite Datensatz, diesmal zu den Knochen, und er ist der interessanteste, weil er zeigt, wie schwer sich ein Mittel rückwärts rechnen lässt. 187 ältere Erwachsene, drei randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studien, zwei bis neun Wochen Dauer. Gemessen wurden Marker des Knochenabbaus im Urin und Marker des Knochenaufbaus im Serum.

Im Teilstudium mit funktionell eingeschränkten Personen standen am Ende 105 Teilnehmende, von denen 63 unter MK-677 und 28 unter Placebo die neun Wochen abschlossen. Das Osteocalcin, ein Marker des Aufbaus, stieg um 29,4 Prozent, die knochenspezifische alkalische Phosphatase um 10,4 Prozent, und der Abbaumarker im Urin um 22,6 Prozent – alle drei signifikant gegenüber Placebo.

Man kann das als Erfolg lesen. Man kann es genauso als Warnung lesen, denn Abbau und Bildung stiegen gemeinsam, und die Dauer von neun Wochen erlaubt keine Aussage darüber, ob am Ende ein dichterer oder ein poröserer Knochen steht. Ein Medikament, das den Umsatz ankurbelt, ist kein Medikament gegen Brüchigkeit, solange die Bilanz nicht gemessen wurde. Diese Studien haben sie nicht gemessen.

Der Test, bei dem es hätte auffallen müssen

Die dritte Studie ist der Grund, warum ich diesen Artikel schreibe. Merck untersuchte 563 Patienten mit leichter bis mittelschwerer Alzheimerkrankheit, fünfundzwanzig Milligramm gegen Placebo, täglich über zwölf Monate; 416 beendeten Behandlung und Untersuchungen. Der Hintergrund war nicht willkürlich: Im Tiermodell erhöht IGF-1 die Ausscheidung von Beta-Amyloid, dem Stoff, dessen Ablagerung als pathologisches Merkmal der Krankheit gilt, und der IGF-1-Spiegel sinkt mit dem Alter und noch weiter bei Alzheimer.

Die Zielverstrickung stimmte. Der IGF-1-Spiegel stieg nach sechs Wochen um 60,1 Prozent und nach zwölf Monaten um 72,9 Prozent. Man kann sich keinen besseren Beleg dafür vorstellen, dass die Substanz dort ankam, wo sie sollte.

Und dann, wörtlich im Abstract: Zwischen den Behandlungsgruppen gab es auf der CIBIC-plus, der kognitiven Subskala der Alzheimer’s Disease Assessment Scale, der ADCS-ADL und der CDR-Summe keinen signifikanten Unterschied über zwölf Monate. Der Titel des Artikels sagt dasselbe: wirkungslos beim Verlangsamen des Krankheitsfortschritts.

Was daraus folgt – und was nicht

Drei Sätze, mehr ist die Evidenz nicht her. Erstens: Der Wirkmechanismus von Ibutamoren ist gut belegt und gut verstanden – die Hormonachse reagiert, pulsatil, mit höheren Pulsen. Zweitens: Diese Aktivität übersetzt sich in den Studien, die einen klinischen Endpunkt gemessen haben, bisher nicht in einen Vorteil – bei der Knochenmasse in einen Umsatz ohne Bilanz, bei den 563 Alzheimer-Patienten in gar nichts. Drittens: Der Nüchternblutzucker steigt unter der höchsten Dosis, und wer über Stoffwechsel redet, muss das dazusagen.

Der Rest ist Werbung. Wenn man eine Zahl auf einer Verpackung sieht, ist die ehrliche Frage nicht, ob sie stimmt, sondern welcher Endpunkt dahintersteht. Genau diese Unterscheidung – Hormonachse, Umsatz, klinisches Ergebnis – findet man in einer Händlerliteratur, die den ganzen Weg abbildet, vom Pulsmessversuch von 1996 über die Fettfreimass-Studie bis zum Zweijahresversuch, mit 65 älteren Erwachsenen, Fettfreimasse oben und viszerales Fett unten: Ibutamoren (MK-677), das orale Sekretagog und sein Versuch. Der Abschnitt am Ende dieser Seite heißt „was die Daten nicht zeigen”, und der ist der Grund, warum ich die drei Studien oben in dieser Reihenfolge gebracht habe.

Woher die Zahlen kommen

  1. Chapman, Bach, Van Cauter, Farmer, Krupa, Taylor, Schilling, Cole, Skiles, Pezzoli, Hartman, Veldhuis, Gormley, Thorner: Stimulation der GH-IGF-I-Achse durch tägliche orale Gabe eines Wachstumshormon-Sekretagogen (MK-677) bei gesunden älteren Probanden. J Clin Endocrinol Metab 1996;81(12):4249-4257. (PMID 8954023, zweiunddreißig gesunde Personen, davon 15 Frauen und 17 Männer, 64 bis 81 Jahre, randomisiert, doppelblind, placebokontrolliert, zwei getrennte Perioden von 14 und 28 Tagen, Blutentnahme alle 20 Minuten über 24 Stunden)
  2. Sevigny, Ryan, van Dyck, Peng, Lines, Nessly und die MK-677-Protokoll-30-Studiengruppe: Wachstumshormon-Sekretagog MK-677, keine klinische Wirkung auf den Fortschritt der Alzheimerkrankheit in einer randomisierten Studie. Neurology 2008;71(21):1702-1708. (PMID 19015485, 563 Patienten mit leichter bis mittelschwerer Alzheimerkrankheit, fünfundzwanzig Milligramm gegen Placebo täglich über zwölf Monate, 416 beendeten die Behandlung und die Untersuchungen)
  3. Murphy, Bach, Plotkin, Bolognese, Ng, Krupa, Cerchio, Gertz und die MK-677-Studiengruppe: Orale Gabe des Wachstumshormon-Sekretagogen MK-677 erhöht Marker des Knochenumsatzes bei gesunden und funktionell eingeschränkten älteren Erwachsenen. J Bone Miner Res 1999;14(7):1182-1188. (PMID 10404019, 187 ältere Erwachsene in drei randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Studien von zwei bis neun Wochen; im Teilstudium mit funktioneller Einschränkung 105 Personen, davon 63 unter MK-677 und 28 unter Placebo, die neun Wochen abschlossen)

Weiterlesen

Erholung17. Okt. 2026

Schlafdauer und Sehnenheilung: was 973 Patienten nach einer Sehnenreparatur zeigen

In einer prospektiven Kohorte mit 973 Patienten litten 88,4 Prozent vor einer arthroskopischen Sehnenreparatur an Schlafstörungen, nach zwölf Monaten noch 22 Prozent. Dazu eine systematische Übersichtsarbeit mit 25 Studien: Schlafverlängerung und Nickerchen wirkten, Schlafhygiene und Eisbad nicht. Und warum das keine Aussage über gesunde Läufer ist.

Ernährung02. Nov. 2026

Glutamin und Antioxidantien bei Ausdauer: was die Studien wirklich messen

Die Glutamin-Metaanalyse von 2019 schloss 47 Studien ein, davon 25 in der Metaanalyse, und fand einen kleinen Gewichtseffekt von minus 1,36 Kilogramm — keinen Effekt auf die Leistung. Die Antioxidantien-Literatur geht den anderen Weg: Vitamine C und E dämpfen nach einer Übersichtsarbeit von 2016 Anpassungen des Ausdauertrainings, während sie die Leistung kaum bewegen.

Gesundheit31. Okt. 2026

Kombiniertes Training und Blutdruck: was die Meta-Analyse findet

20 Studien, 1.192 Teilnehmende mit Diabetes Typ 2 und Übergewicht: kombinierte Ausdauer- und Kraftsenkungen verbesserten systolischen und diastolischen Blutdruck, HbA1c und mehrere Entzündungsmarker. Die Autoren der Meta-Analyse stufen die Evidenz selbst als unsicher ein — und die Frequenz im Ruhemodus blieb unverändert.

Draußen29. Okt. 2026

Kälte und Leistung: zwölf Studien, 35 Kühlversuche, null klare Antwort

Zwölf Papers zu Temperatur und Höhenlage im Spielbetrieb, Qualität 6 bis 9 von 9, fast nur Männer: der Kälteschaden ist zwischen den Studien so verschieden, dass der Effekt von minus 0,96 bis minus 0,14 schwankt. Und eine zweite Review mit 35 Kühlversuchen findet bei rund drei von vier Studien einen Kraftverlust direkt nach dem Kühlen.

Kraft28. Okt. 2026

Krafttraining für Läufer: zwei randomisierte Studien, 60 Läufer, 10 und 12 Wochen

30 moderat trainierte Distanzläufer, 10 Wochen konkurrierendes Kraft- und Ausdauertraining: 2-km-Zeit minus 11,3 Sekunden, Ausdauerzeit bis zum Abbruch plus 59,1 Sekunden, Körperfett minus 1,05 Kilogramm, bei unveränderter Gesamt- und fettfreier Masse. Die zweite Studie mit 30 Männern über 12 Wochen trennt Kraft, Ausdauer und kombiniertes Training.

Wettkampf27. Okt. 2026

Carbo-Loading und Taper: was die Meta-Analysen wirklich messen

Eine Meta-Analyse von 61 Leistungsstudien mit 679 Personen: 82 Prozent zeigen einen signifikanten Vorteil durch Kohlenhydrate, aber der Effekt wächst signifikant mit der Belastungsdauer (p=0,0036). Und die Taper-Meta-Analyse sagt etwas Unbequemes — die Trainingsintensität abzusenken bringt nichts, das Volumen um 41 bis 60 Prozent schon.

Gelenke25. Okt. 2026

Laufen und Knie-Osteoarthritis: was 17 Studien mit Bildgebung messen

7194 Läuferinnen und Läufer gegen 6947 Nichtläufer: kein Unterschied in Röntgen- oder MRT-Befunden, dafür signifikant MEHR Knieschmerz bei den Nichtläufern. Und bei zehn Läuferinnen mit bestehender Arthrose steigen die T2-Werte im Knorpel nach 30 Minuten Lauf – bei den Gesunden nicht.

Ausdauer23. Okt. 2026

Ausdauer ohne Training: was AICAR und SLU-PP-332 wirklich gemessen haben

Zwei Substanzen werden als Trainingsimitation verkauft, weil sie in Mäusen ein Ausdauerprogramm in Genen auslösen, das dem Aeroben Training ähnelt. In Menschen hat keine der beiden eine kontrollierte Studie, die Ausdauer misst. Beide stehen seit 2009 auf der Sperrliste, und 2026 erscheint die Analytik, um sie im Urinal nachzuweisen.

Wehwehchen23. Aug. 2026

Ruhetage sind Training

Der Satz klingt nach Kalenderspruch. Bei mir war er der Unterschied zwischen dauernd verletzt und drei Jahren durchlaufen.

Einsteigen02. Juni 2026

Couch to 5K, ehrlich erzählt

Was die Pläne versprechen, was bei mir wirklich passiert ist — inklusive der Woche, die ich dreimal wiederholt habe, und warum das völlig in Ordnung war.