Auf dem Laborzettel stehen bei den meisten von uns zwei Zahlen, die für Streit sorgen:
das eine Cholesterin, das andere der Blutzuckerwert. Beide kommen mit einem Adjektiv daher.
Eines ist gut, eines ist schlecht, eines ist “im Zielbereich”, eines ist “zu hoch”. Diese
Adjektive sind der Grund, warum ein Blutbild mehr Schuldgefühle auslöst als ein Training.
Die Frage, die sich wirklich stellen lässt, ist eine andere. Nicht: überschreitet mein Wert
eine Grenze? Sondern: Woher kommt die Grenze überhaupt, und was haben die Versuche
tatsächlich gemessen?
Die kurze Antwort vorweg: kein Versuch, auf den sich die gängigen Grenzwerte stützen, hat
eine Grenze gemessen. Die Versuche haben eine Senkung gemessen.
Die Grenze steht in keiner Studie
Der größte Versuch dieser Frage ist eine Auswertung auf Ebene einzelner Teilnehmender
über sechsundzwanzig randomisierte Versuche, die zusammen einhundertsiebzigtausend Menschen
und eine mittlere Beobachtungszeit von rund fünf Jahren umfassen. Die Gruppe, die sie
ausgewertet hat, tat etwas anderes als die üblichen Leitlinien: Sie teilte die Versuche
danach, ob die Statin-Dosis höher oder niedriger war, und rechnete dann aus, wie viel Risiko
pro Senkung des LDL-Cholesterins um einen Millimol pro Liter zurückging.
Das Ergebnis: kein einzelner Zielwert, sondern eine Abhängigkeit. Pro Millimol pro Liter
Senkung sank das Risiko der großen vaskulären Ereignisse auf ein Rate Ratio von 0,78
(Konfidenzintervall 0,76 bis 0,80) - und zwar in allen untersuchten Arten von Menschen,
auch bei denen, die auf der niedrigeren Dosis bereits unter zwei Millimol pro Liter lagen.
Und im Discussionsteil steht der Satz, der die ganze Grenzlogik aushebelt, wörtlich im
Sinne des Wörtlichen: Es gab keinen Hinweis auf irgendeinen Schwellenwert im untersuchten
Cholesterinbereich. Nicht “der Schwellenwert liegt bei”, sondern: Es gibt keinen.
Trotzdem stehen in jeder Richtlinie Grenzen. Die aktuelle amerikanische Leitlinie von 2019
ist dafür das beste Beispiel: Sie teilt Menschen in Kategorien ein und hängt daran die
Empfehlung, ob Statin verordnet wird. Das ist eine Entscheidungshilfe, keine Messung. Der
unterschied ist wichtig, weil die Zahl in der Spalte “gut” nicht aus einem Versuch kommt,
sondern aus der Übersetzung eines Versuchsergebnisses in ein Raster, das man für die
Vergütung braucht.
Was der Versuch wirklich gemessen hat
Der erste große Versuch, der dieser Übersetzung zugrunde liegt, ist 1995 in Schottland
gelaufen. Doppelblind, Placebokontrolle, Pravastatin am Abend gegen nichts. Die Teilnehmer:
sechstausendfünfhundertfünfzig Männer zwischen 45 und 64 Jahren, mit einem mittleren
Plasma-Cholesterin von 272 plus minus 23 Milligramm pro Deziliter. Das ist deutlich erhöht.
Wichtig für das Verständnis: Keiner von ihnen hatte einen Herzinfarkt in der Vorgeschichte.
Das war die Bedingung, unter der man prüfen wollte, ob man das Risiko eines Infarkts senken
kann, bevor er passiert.
Nach 4,9 Jahren standen in der Placebogruppe 248 eindeutige koronare Ereignisse, in der
Pravastatingruppe 174. Eine relative Risikoreduktion von 31 Prozent, Konfidenzintervall 17
bis 43 Prozent, p kleiner als 0,001.
Drei Dinge an diesem Versuch sind für den Umgang mit einer Grenzzahl entscheidend. Erstens:
Verglichen wurde eine feste Dosis gegen Placebo. Niemand wurde einem Zielwert zugeordnet.
Zweitens: Der Endpunkt war ein Ereignis über Jahre, nicht eine Laborzahl. Drittens: Alle
Teilnehmer waren Männer mittleren Alters mit deutlich erhöhtem Cholesterin. Wer diese
Erprobung auf eine 32-Jährige Läuferin überträgt, überträgt eine Erprobung für eine
Bevölkerung, die sie nicht untersucht hat.
Der Satz, der die Bewertung senkt
Die schottischen Zahlen sind das eine Ende. Das andere Ende liefert dieselbe Gruppe, die
auch die Frage nach dem Schwellenwert beantwortet hat - und zwar in beide Richtungen.
Was die Senkung nicht erreichte: den Tod durch Schlaganfall. Rate Ratio 0,96 mit einem
Konfidenzintervall von 0,84 bis 1,09. Das Intervall schließt die Null ein. Ebenso blieb
der Tod aus anderen vaskulären Ursachen unberuhrt (0,98; 0,81 bis 1,18), und bei Krebs
gab es weder eine Senkung noch eine Erhohung (1,00; 0,96 bis 1,04). Die Gesamtmortalität
sank um 10 Prozent pro Millimol pro Liter (0,90; 0,87 bis 0,93), getragen vor allem von den
Todesfällen durch koronare Herzkrankheit (0,80; 99-Prozent-Konfidenzintervall 0,74 bis
0,87).
Das ist die ehrliche Bilanz eines sehr großen Versuchs: ein deutlicher Effekt auf eine
Klasse von Ereignissen, kein Effekt auf eine andere, und überall ein Verhältnis statt
einer Grenze. Wer daraus ein Adjektiv macht, hat die Aussage nicht vereinfacht, sondern
ersetzt.
Der Blutzucker verhält sich anders
Beim zweiten Wert ist die Lage nicht einfach schlechter, sie ist anders geformt. Dafür gibt
es eine Kohorte, die genau hinschaut: 10.489 Männer und Frauen zwischen 40 und 79 Jahren in
Norfolk, im Mittel 8,5 Jahre beobachtet, 164 Schlaganfälle, verteilt auf 88.652 Personenjahre.
Gemessen wurde der glykierte Hämoglobinspiegel - und die Autoren haben ihn in Gänge
zerlegt, statt ihn in eine Diagnose zu pressen.
Alle Werte unter 5 Prozent dienen als Bezug. Zwischen 5,0 und 5,4 Prozent liegt das relative
Risiko eines Schlaganfalls bei 0,78 (0,50 bis 1,22). Zwischen 5,5 und 6,9 Prozent bei 0,83
(0,54 bis 1,27). Beide Intervalle schließen die Null ein, es gibt also keinen
nachweisbaren Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen. Ab 7 Prozent springt der Wert
auf 2,83 (1,40 bis 5,74).
Bemerkenswert ist der letzte Satz der Arbeit, denn er ist eine Einschränkung und keine
Bestätigung: Während der Zusammenhang zwischen Blutzucker und Risiko einer koronaren
Herzkrankheit in dieser Kohorte als continuous linear beschrieben wird, sieht der
Zusammenhang mit dem Schlaganfallrisiko eher nach einer Schwelle aus. Zwei Gefäße, zwei
Formen, ein und derselbe Laborwert.
Praktisch heißt das: In genau dieser Kohorte liegt die diagnostische Grenze mitten in
einem Bereich, in dem sich das relative Risiko zwischen 5,0 und 6,9 Prozent nicht
scheinbar bewegt hat. Die Grenze ist eine Verwaltungsentscheidung, keine Naturkonstante.
Dein Lauf steckt mit in der Zahl
Es gibt noch einen Grund, warum diese Zahlen bei Läufern besonders schwer zu lesen sind. Das
Gesamtcholesterin setzt sich aus mehreren Teilen zusammen, und einer davon reagiert auf
Ausdauertraining. Das ist gut belegt: In einer Auswertung von fünfundzwanzig Artikeln mit
randomisierten Trainingsstudien lag die mittlere Nettozunahme des HDL-Cholesterins bei 2,53
Milligramm pro Deziliter (0,065 Millimol pro Liter), p kleiner als 0,001. Als Minimum wurden
etwa 900 Kilokalorien pro Woche angegeben, also rund 120 Minuten. Und jede zusätzliche
Zehn Minute pro Einheit ging mit weiteren 1,4 Milligramm pro Deziliter (0,036 Millimol pro
Liter) einher. Ob und wie oft trainiert wurde, war dagegen ohne deutlichen Zusammenhang -
die Dauer pro Einheit war die interessantere Größe.
Und jetzt der Teil, der in der Praxis irritiert: Der Zuwachs war größer bei Menschen mit
einem Gesamtcholesterin ab 220 Milligramm pro Deziliter und bei einem Body-Maß-Index
unter 28. Je höher das Gesamtcholesterin, desto deutlicher hob Training den HDL-Anteil.
Das heißt nicht, dass Training schädlich wäre. Es heißt: Die Zahl, die in vielen
Risikorechnungen als Eingangswert steht, behält ein Stück Sport drin. Und die
Metanalyse hat das HDL-Cholesterin gemessen, nicht Erkrankungen, nicht Ereignisse, nicht
eine Lebensdauer. Wer ihre Zahl als Risiko liest, hat eine Zwischenmessung als Endpunkt
gelesen.
Was die Daten nicht zeigen
Diese vier Belege zusammen ergeben eine erstaunlich klare Grenze dessen, was sie tragen.
Erstens: Sie zeigen keine Grenzzahl. Sowohl die Auswertung über einhundertsiebzigtausend
Menschen als auch der schottische Versuch arbeiten mit einer Senkung. Der Wert unterhalb
oder oberhalb davon war nie die Variable, die jemand einem Versucharm zugewiesen hat.
Zweitens: Sie zeigen nicht, was bei einem Youngster oder bei einer Frau gilt. Der
schottische Versuch hatte Männer von 45 bis 64 mit erhöhtem Ausgangswert, alles andere
war Extrapolation. Die Blutzuckerkohorte umfasste beide Geschlechter, aber die Frage nach
dem Geschlecht wurde dort nicht beantwortet, weil die Kohorte eine andere Frage hatte.
Drittens: Sie zeigen keinen Effekt, der bei kleinem Grundrisiko verschwindet - aber sie
zeigen auch nicht, wie groß er bei kleinem Grundrisiko absolut ausfällt. Die große
Auswertung fand proportional annähernd dieselbe Senkung des Risikos in allen untersuchten
Arten von Menschen, auch bei denen, die auf der niedrigeren Dosis schon unter zwei Millimol
pro Liter lagen. Prozentgleich heißt aber nicht betragsgleich: dieselbe Senkung auf ein
seltenes Ereignis ergibt eine kleine absolute Zahl, und die absoluten Zahlen fehlen in diesen
Auswertungen fast vollständig. Genau die fehlen, wenn man eine Grenze zitiert.
Viertens: Sie zeigen keine Wirkung von Training oder von Lebensführung auf das Risiko
selbst. Der Beleg in diesem Text ist ein Beleg über eine Laborzahl. Er sagt nichts darüber,
ob ein Training ein Ereignis verhindert.
Was daraus für den Alltag folgt
Drei Fragen, bevor du ein Adjektiv vergibst. Erstens: Hat jemand diese Grenze gesetzt, oder
ist sie aus einer Verlaufskurve abgelesen? Eine Verlaufskurve hat keine Kante. Zweitens: In
welcher Population wurde geprüft - und gehöre ich dazu? Bei einer Diagnosegrenze aus einer
Erprobung von Männern mittleren Alters lautet die Antwort häufig nein. Drittens: Wie eng ist
das Labor? Ein Referenzbereich beschreibt eine Bevölkerung, nicht eine Person.
Und ganz zum Schluss: Ein Grenzwert, der medikamentöse Folgen nach sich zieht, ist eine
Entscheidung zwischen Arzt und Patient. Dieser Text liefert keine Entscheidung. Er liefert
den Satz für das Beratungsgespräch: auf welcher Studie beruht meine Grenze?