Jeder Langstreckenläufer mit halbwegs ernsthafter Trainingshistorie kennt den Rat:
Krafttraining. Die meisten halten ihn für eine Zeitverschwendung oder für ein
Recht, das man sich erst nach dem ersten 10-km-Erfolg verdient. Zwei
randomisierte Studien aus demselben Jahr sagen etwas anderes — und sie sagen
es in Sekunden.
Studie 1: 30 Läufer, 10 Wochen, 11,3 Sekunden
Scandinavian Journal of Medicine & Science in Sports, 2022. Parallel-gruppierte
randomisierte kontrollierte Studie. 30 moderat trainierte Distanzläufer, die
mindestens 30 km pro Woche liefen und keine Erfahrung mit Krafttraining
hatten, wurden zufällig aufgeteilt auf 10 Wochen konkurrierendes Kraft- und
Ausdauertraining (n = 15; 33,1 ± 7,5 Jahre) oder eine Kontrollgruppe
(n = 15; 34,2 ± 8,2 Jahre).
Primärer Endpunkt war die 2-km-Zeit. Sekundär: Biomechanik und Muskelaktivität
der unteren Extremität beim Laufen über Grund bei 3,89 m/s und beim maximalen
Sprinten, maximale aerobe Kapazität, Laufeffizienz und Körperzusammensetzung.
Die Ergebnisse:
- 2-km-Zeit: minus 11,3 Sekunden (MD −11,3 s; 95 % KI −3,7 bis −19,0;
p = 0,006).
- Zeit bis zum Abbruch im VO₂max-Lauftest: plus 59,1 Sekunden
(8,58 bis 109,62; p = 0,024).
- Gesamtkörperfett: minus 1,05 Kilogramm (−0,21 bis −1,88; p = 0,016),
während Gesamt- und fettfreie Masse unverändert blieben.
Und dann die ehrliche Einschränkung, die im selben Absatz steht: von allen
biomechanischen und muskelaktiven Variablen änderte sich nur eine einzige
statistisch signifikant — die Winkelgeschwindigkeit des Hüftgelenks in der
frühen Schwungphase. Die Autoren schließen daraus, dass Krafttraining für die
Laufleistung nützlich ist, die Biomechanik und Muskelaktivität aber
möglicherweise nicht zum Leistungszuwachs beitragen. Der Mechanismus ist in
dieser Studie also nicht gefunden.
Bemerkenswert ist auch, was unverändert blieb: fettfreie Masse. Wer
Krafttraining für einen Muskelzuwachs macht, bekommt in 10 Wochen bei
Distanzläufern offenbar vor allem einen anderen Körper, nicht mehr Muskel.
Studie 2: 30 Männer, 12 Wochen, drei Gruppen
International Journal of Environmental Research and Public Health, 2022, mit
randomisierter Zuteilung nach Blockverfahren. 30 männliche
Freizeit-Ausdauersportler, 12 Wochen, drei Arme: laufspezifisches
Krafttraining dreimal pro Woche, Ausdauertraining dreimal pro Woche, oder
kombiniertes Training dreimal pro Woche an nicht aufeinanderfolgenden Tagen mit
wechselnden Einheiten. Das Protokoll folgte dem ATR-Blockperiodisierungssystem
(Accumulation, Transmutation, Realization).
Gemessen vor und nach dem Protokoll: Körpermasse, BMI, Körperfettanteil,
fettfreie Masse, Countermovement-Jump, 1RM-KnIe squat, Laufeffizienz bei 12 und
14 km/h, VO₂max und anaerobe Schwelle.
| Was verbesserte sich |
Kraft |
Ausdauer |
Kombiniert |
| Countermovement-Jump, 1RM squat |
ja |
nein |
ja |
| Laufeffizienz 12 und 14 km/h |
ja |
ja |
ja |
| VO₂max, anaerobe Schwelle |
nein |
ja |
ja |
| Körperfettanteil, fettfreie Masse |
nein |
nein |
ja |
Die paarweisen Vergleiche, die daraus folgen: laufspezifisches Krafttraining
erreichte signifikant bessere Werte als reines Ausdauertraining bei
Countermovement-Jump, 1RM-KnIe squat und Laufeffizienz bei 14 km/h. Reines
Ausdauertraining war signifikant besser bei der anaeroben Schwelle. Und das
kombinierte Training war signifikant besser als reines Ausdauertraining bei
Countermovement-Jump und Laufeffizienz bei 14 km/h.
Die Schlussfolgerung der Autoren ist die praktisch wichtigste Aussage der
beiden Arbeiten zusammen: Das kombinierte Training verhindert die Abschwächung
der Kraft- und Ausdaueranpassungen, die bei Training in einer Modalität
auftreten. Krafttraining kostet dich nicht die Ausdauer — in dieser
Konfiguration.
Was für den Wochenplan folgt
Drei Sätze, direkt aus den Daten. Erstens: die zweite Einheit Kraft pro Woche
ist kein Luxus, sondern der Unterschied zwischen einer und anderthalb Minuten
im Wettkampf. Zweitens: wenn du Ausdauer- und Krafttraining kombinierst, dann an
nicht aufeinanderfolgenden Tagen — genau so war es in Studie 2 gebaut, und genau
dort zeigte sich der Vorteil. Drittens: wenn dich die Frage umtreibt, wie viel
Muskelmasse realistisch ist, wenn Muskel nicht das Hauptziel ist, dann sind
etwa zehn Wochen bei Distanzläufern eine schlechte Investition — die fettfreie
Masse blieb in Studie 1 unverändert. Die Übersicht zu Muskelmasse und den
Versuchszahlen der Myostatin-Hemmung
zeigt, wie weit man dafür gehen muss, um die Größenordnung zu erreichen, um
die es hier nicht ging.
Was diese Studien nicht zeigen
Beide sind klein: 30 Teilnehmer, davon 15 pro Arm. Bei einer Verbesserung von
etwa drei Prozent der 2-km-Zeit ist das eine Fallzahl, bei der ein einzelner
Ausreißer das Ergebnis kippt — die Konfidenzgrenzen der Studie 1 reichen von
3,7 bis 19,0 Sekunden. Die Kohorte sind männlich bzw. moderat trainiert,
Freizeitsportler zwischen 30 und 40 Jahren, keine Spitzensportler, und die
Studien liefen 10 beziehungsweise 12 Wochen — nichts davon sagt etwas über
Marathonvorbereitungen oder über Jahre. Und der wichtigste Punkt: Studie 1 fand
für den Leistungsgewinn keinen biomechanischen Mechanismus. Dass Kraft
bessert, ist gemessen. Warum genau, ist es nicht.
Dieser Artikel fasst veröffentlichte randomisierte Studien zusammen und ist
keine Trainingsberatung für eine bestimmte Person.