Es gibt eine Studie, die in fast jeder Diskussion über Regeneration im Alter
zitiert wird und die fast nie vollständig gelesen wird. Sie hat zwei Jahre
gedauert, sie hat 65 Menschen eingeschlossen, und sie steht im Annals of Internal
Medicine. Der wichtige Teil ist nicht die erste Zahl, sondern die letzte Zeile
der Ergebnisse.
Wer sich zuerst mit der Verbindung zwischen Peptiden und Regeneration
beschäftigt, findet dort den Überblick über die Studie selbst:
die MK-677-Zwei-Jahres-Studie.
Der Aufbau
Zweijährige, doppelblinde, randomisierte, placebokontrollierte Studie mit
modifiziertem Crossover-Design, durchgeführt an einem universitären
Forschungszentrum. 65 gesunde Erwachsene zwischen 60 und 81 Jahren — Männer,
Frauen mit Hormonersatztherapie und Frauen ohne. Oral wurde MK-677 mit 25
Milligramm oder Placebo einmal täglich verabreicht. Primäre Endpunkte nach
einem Jahr waren fettfreie Masse und bauchviszerales Fett, alle Endpunkte wurden
zu Beginn und alle sechs Monate erhoben.
Die Verträglichkeit war gut. Die Autoren schreiben, MK-677 habe die
Wachstumshormon- und IGF-I-Spiegel signifikant auf das Niveau gesunder junger
Erwachsener gehoben, ohne ernsthafte unerwünschte Wirkungen.
Was sich im Körpermaß bewegt hat
- Fettfreie Masse: in der Placebogruppe minus 0,5 Kilogramm, im
Konfidenzintervall von minus 1,1 bis 0,2 Kilogramm; in der MK-677-Gruppe plus
1,1 Kilogramm, im Konfidenzintervall von 0,7 bis 1,5 Kilogramm.
p kleiner als 0,001.
- Zellmasse, abgebildet am intrazellulären Wasser: minus 1,0 Kilogramm gegen
plus 0,8 Kilogramm, p gleich 0,021.
- Bauchviszerales Fett und Gesamtfett: keine signifikanten Unterschiede. Der
durchschnittliche Anstieg des Gliedmaßenfetts war in der MK-677-Gruppe
allerdings größer: 1,1 Kilogramm gegenüber 0,24 Kilogramm, p gleich 0,001.
- Körpergewicht: plus 0,8 Kilogramm im Placeboarm, plus 2,7 Kilogramm in
der MK-677-Gruppe, p gleich 0,003.
Und was sich nicht bewegt hat
Drei Einträge verdienen, nebeneinander gelesen zu werden, weil sie die
Erzählung von der Regeneration brechen:
Die Blutzucker stieg. Der Nüchternwert erhöhte sich in der MK-677-Gruppe um
0,3 Millimol pro Liter, p gleich 0,015, und die Insulinsensitivität sank.
Das Kortisol stieg. Die Autoren berichten über einen Anstieg des
Kortisolspiegels bei den MK-677-Empfängern. In einer Studie, die bei
Muskelaufbau als positiv verkauft wird, ist das eine Variable, die man nicht
überliest.
Und dann der Kernsatz: Die erhöhte fettfreie Masse führte zu keiner
Veränderung bei Kraft oder Funktion.
Die Autoren formulieren es selbstbewusst und ohne Beschönigung: Die Studienpower
— Dauer und Teilnehmerzahl — reichte nicht aus, um funktionelle Endpunkte bei
gesunden älteren Personen zu bewerten. Zweijährige explorative Analysen bestätigten
die Ein-Jahres-Ergebnisse.
Der Unterschied zwischen Masse und Funktion
Ein Punkt, der in der Diskussion um die Studie fast immer verschwindet: die
Zellenmasse war ein Marker. Sie ist über intrazelluläres Wasser gemessen, also
über die Flüssigkeit in den Muskelzellen, nicht über eine Funktion. Der Wert
stieg. Ob die Menschen dadurch mehr konnten, wurde gemessen — Kraft und Funktion
haben sich nicht verändert.
„Mehr fettfreie Masse” und „mehr Leistung” sind zwei verschiedene Aussagen, und
die Studie trennt sie sauber.
Was diese Studie nicht zeigt
- Keine Aussage über Regeneration im Sinne von Erholung nach dem Training.
Die Endpunkte waren Körperzusammensetzung und Stoffwechselmarker; Muskelkater,
Schlaf und Entzündungsmarker wurden nicht berichtet.
- Kein Ergebnis bei trainierten Menschen. Die Teilnehmenden waren gesunde
ältere Erwachsene, keine Ausdauersportler.
- Keine Verträglichkeitsdaten über die hinausgehenden zwei Jahre hinaus.
- Keine Wirkung auf Knochenbruch, Sturz oder Selbstständigkeit — die
Endpunkte, die man für eine Aging-Behauptung eigentlich bräuchte.
- Die funktionale Frage bleibt offen, weil die Studie zu klein war — das sagen
die Autoren selbst, und das ist kein Makel an der Arbeit, sondern an der
Größe des Feldes.
In einem Satz
Zwei Jahre, 65 Menschen, ein Kilogramm Unterschied in der fettfreien Masse und
null Unterschied bei Kraft und Funktion: Diese Studie ist kein Beleg für
Regeneration, sondern eine sauber gemessene Lücke zwischen zwei Größen, die man
gern gleichsetzt.